Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach fordert ein robustes Gesundheitssystem, mehr Prävention und eine starke Pflege. Im Interview spricht sie über ihren politischen Antrieb, Resilienz und warum Digitalisierung mehr ist als nur Technik.

Frau Ministerin, inmitten von Kriegen, Krisen und Umbrüchen: Was gibt Ihnen derzeit persönlich Kraft und was politischen Antrieb?

Gesundheit ist unser wichtigstes Gut. Deshalb brauchen wir auch künftig eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung. Dieses Ziel treibt mich jeden Tag aufs Neue an. Kraft schöpfe ich dabei bei meiner Familie – sie ist mein Rückzugsort, an dem ich wieder Energie auftanken kann.

Sie haben kürzlich betont, dass auch das deutsche Gesundheitssystem kriegstauglich sein muss. Was meinen Sie damit? Und wie sieht für Sie ein realistischer „ziviler Operationsplan“ aus – und welche Rolle kommt der EU dabei zu?

Ich hatte gesagt, wir müssen unser Gesundheitssystem krisenfest machen – also zum Beispiel für Pandemien und Naturkatastrophen, aber natürlich auch für den Fall militärischer Auseinandersetzungen. Darauf müssen wir vorbereitet sein, und zwar unser gesamtes Gesundheitswesen – nicht nur die Krankenhäuser, sondern auch Arztpraxen, Apotheken oder der öffentliche Gesundheitsdienst.

Konkret geht es darum, die medizinische und pflegerische Versorgung von mehr als 80 Millionen Bürgerinnen und Bürgern im Krisenfall aufrechtzuerhalten. Daneben muss Deutschland auch die Versorgung mit Arzneimitteln absichern.

Deutschland muss wieder zum attraktiveren Standort für die Pharmaindustrie werden. Hier müssen EU und Bund dauerhaft stabile und verlässliche Rahmenbedingungen schaffen.

Prävention gilt als entscheidend für ein zukunftsfähiges Gesundheitssystem, wird aber politisch oft nachrangig behandelt. Was müsste sich ändern, damit Vorsorge nicht die schwächste Säule bleibt?

Ich sehe ein enormes Potenzial in der Prävention! Noch mehr als bisher müssen wir die großen Gesundheitsrisiken in den Blick nehmen: Was belastet die Gesundheit besonders stark? Was führt am häufigsten zu krankheitsbedingten Ausfällen, was zu Pflegebedarf? Und was hält gesund, welche Strategien bewirken Verbesserungen? In Bayern haben wir das erkannt und arbeiten mit Hochdruck am „Masterplan Prävention“, den wir in diesem Jahr vorstellen wollen. Mein Ziel ist, die Vorsorge stärker in den Fokus zu rücken.

Pflege wird immer wieder als „systemrelevant“ bezeichnet, oft aber nur rhetorisch. Was muss sich konkret ändern, damit Pflege als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden wird – wie Bildung oder Klimaschutz?

Die Pflege ist systemrelevant. Und die pflegerische Versorgung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Aufgrund des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels ist sie eines der großen Themen in unserer Gesellschaft. Wenn ich allein auf Bayern blicke, wird die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit rund 630.000 auf 820.000 bis zu 1,1 Millionen Menschen im Jahr 2050 steigen. Für Gesamtdeutschland sind die Zahlen entsprechend deutlich höher. Wenn es um die Finanzierung geht, ist Pflege eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Denn die Pflegeversicherung ist eine Teilleistungsversicherung – nicht alle Kosten werden übernommen.

Pflege ist überwiegend weiblich und häufig schlecht bezahlt. Was ist Ihr Rezept gegen diese doppelte Schieflage?

Bei der Bezahlung hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Richtig ist, dass mehr Menschen für den Pflegeberuf gewonnen werden müssen. Ich würde mir auch wünschen, dass mehr Männer diesen spannenden und abwechslungsreichen Beruf ausüben.

Grundsätzlich ist für mich klar: Wir müssen die Pflegeberufe stärken. Deshalb muss jetzt auch schnell das Pflegekompetenzgesetz kommen, weil hierdurch besonders qualifizierte Pflegefachpersonen bestimmte heilkundliche Leistungen eigenverantwortlich übernehmen können. Das wird den Pflegeberuf erheblich aufwerten. Denn Pflege kann mehr, als sie bisher darf. Und auch das Pflegefachassistenzgesetz, bei dem es darum geht, die Ausbildung zur Pflegeassistenz bundesweit zu vereinheitlichen, wäre ein wichtiger Schritt.

Aber auch die Arbeitgeber sind mit Blick auf die Schaffung attraktiver Arbeitsbedingungen gefordert. Wir lassen die Arbeitgeber allerdings auch damit nicht allein. So fördern wir aktuell beispielsweise ein Projekt, das Intensivpflegekräften dabei helfen soll, besser mit dem Stress und der Belastung am Arbeitsplatz umgehen zu können.

Gesundheitskompetenz wird oft als technischer Begriff diskutiert. Wie kann sie zu einem demokratischen Werkzeug werden, das Menschen befähigt, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen?

Genau das möchten wir auch in unserem „Masterplan Prävention“ herausarbeiten. Ich bin davon überzeugt, dass wir im Bereich der Gesundheitskompetenz und damit auch in der Prävention in Deutschland deutlich mehr schaffen können. Dafür müssen aber alle Akteure zusammenwirken und es gemeinsam angehen. Politik allein wird das nicht schaffen können.

Mentale Gesundheit wird oft noch unzulänglich behandelt, vor allem bei Kindern, Jugendlichen und Pflegenden. Welche Verantwortung tragen Politik und Gesellschaft?

Das Thema geht uns alle an. Wir Politiker müssen aber versuchen, dass wir die richtigen Rahmenbedingungen setzen. So braucht es ein vielfältiges und ausdifferenziertes Unterstützungsangebot für Menschen, die psychische Probleme haben.

Für Bayern gesprochen: Wir haben uns in den vergangenen Jahren für einen Ausbau von entsprechenden Strukturen auf hohem Niveau eingesetzt. Im Bereich der stationären psychiatrischen sowie kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung unterstützen wir beim kontinuierlichen Ausbau.

Entscheidend ist, dass wir psychische Erkrankungen weiter entstigmatisieren und den Menschen Anlaufstellen bieten und wirksam helfen. Im Freistaat haben wir beispielsweise die Krisendienste Bayern, die rund um die Uhr in über 120 Sprachen Menschen und deren Angehörige in psychischen Krisen beraten. Dieses Angebot ist für ein Flächenland wie Bayern einmalig.

Wie kann Deutschland den Gesundheitsbereich als Teil seiner wirtschaftlichen Resilienz und Innovationskraft begreifen und welche Rolle spielen hier Pharmaindustrie und Versorgungssicherheit?

Die Gesundheits- und Pflegewirtschaft ist eine der treibenden und wichtigsten Säulen der deutschen und bayerischen Wirtschaft. In Bayern ist fast jeder Sechste in dieser Branche tätig. Das sind über 1,2 Millionen Menschen. Dabei wird sie noch immer unterschätzt, obwohl die Bruttowertschöpfung im Jahr 2023 auf über 74 Milliarden Euro anstieg. Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftsbereichen gab es auch über die Corona-Pandemie hinweg keinen Einbruch der Wirtschaftsleistung. Im Gegenteil: Die Branche ist weiter gewachsen und hat in schwierigen Zeiten auch die Gesamtwirtschaft stabilisiert.

Zur Pharmaindustrie: Es wäre eine gute Nachricht, wenn der Pharmastandort Deutschland stark erhalten bleibt. Der Wirtschaftsstandort wird gestärkt und die Arzneimittelversorgung der Bevölkerung gesichert. Dafür werde ich mich auch weiterhin in Berlin und Brüssel einsetzen. Denn noch immer kommt es bei einzelnen Arzneimitteln zu Lieferengpässen.

Digitalisierung gilt als Schlüssel für ein zukunftsfestes Gesundheitssystem und trotzdem hinkt Deutschland weit hinterher. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hemmnisse und wie können wir sie überwinden, ohne den Menschen aus dem Blick zu verlieren?

Digitalisierung kann die medizinische Versorgung auf das nächste Level heben. Diese Chance wird aber in Deutschland noch zu wenig genutzt. Deswegen setze ich mich dafür ein, dass in Gesundheit und Pflege konsequenter neue digitale Wege eingeschlagen werden.

Nehmen wir das Beispiel der digitalen Ersteinschätzung: Patientinnen und Patienten können mit Avataren, also digitalen Abbildern von echten Ärzten, ihre Symptome für eine Ersteinschätzung besprechen. Das ersetzt bei schweren Leiden zwar keinen Arztbesuch – aber es hat das Potenzial, sowohl schneller behandeln zu können als auch Arztpraxen zu entlasten. Viele solcher Chancen stecken in Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz – unter Berücksichtigung der Sicherheit bei der Entwicklung und Umsetzung.

Ihr Ministerium berührt zentrale Lebensbereiche: Fürsorge, Gesundheit, Zukunft. Was bedeutet in diesem Kontext für Sie ganz konkret politische Haltung?

Ich begegne vielen Menschen, die täglich Herausragendes leisten und unser Gesundheitssystem am Laufen halten. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass die Rahmenbedingungen stimmen – etwa durch Bürokratieabbau und Gesetze, die einen echten Mehrwert bringen oder die Arbeit erleichtern.

Und zuletzt: Was ist Ihre Vision? Wie kann Europa gestärkt aus den aktuellen Krisen hervorgehen, gerade mit Blick auf Gesundheit und Zusammenhalt?

Es kommt auf den Zusammenhalt an. Wenn wir als geeintes Europa handeln, dann können wir auch aus den aktuell anhaltenden Krisen gestärkt hervorgehen. Sei es in der Sicherheit, der wirtschaftlichen Zusammenarbeit oder der Gewährleistung medizinischer Angebote wie Arzneimittel. Wenn jedes Mitgliedsland nur an sich denkt, dann wird es umso schwieriger.

Im Gespräch mit Marian Bracht und Carolina Philipps

Judith Gerlach trat mit 16 Jahren der CSU bei. Nach ihrem Jurastudium in Würzburg zog sie 2013 mit 27 Jahren in den Bayerischen Landtag ein und gewann 2018 sowie 2023 das Direktmandat für den Stimmkreis Aschaffenburg-Ost. Als erste bayerische Digitalministerin baute sie das Digitalministerium in Bayern auf und gilt als progressive Politikerin, die sich besonders für Frauen in der Politik einsetzt. Seit 2023 ist sie Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention.

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