Sie ist die zweite Queerbeauftragte der Bundesregierung und bringt frischen Wind in die Gleichstellungspolitik: Sophie Koch. Im Interview spricht die sächsische Landtagsabgeordnete mit uns über die Herausforderungen ihrer noch neuen Rolle, ihren dialogorientierten Ansatz und ihre Herzensanliegen für eine fortschrittliche Gleichstellungspolitik.
Das Amt der Queerbeauftragten der Bundesregierung ist noch relativ jung – Sie sind erst die zweite Person in dieser Rolle. Was hat sich für Sie seit Ihrer Berufung im Arbeitsalltag verändert und wie gehen Sie diese Aufgabe an?
Ganz praktisch gesprochen: Ich kenne inzwischen die Bahnstrecke zwischen Dresden und Berlin sehr gut. Von Anfang an war es mir wichtig, Kontakt zu bundesweiten Vereinen und Initiativen aus dem Queerbereich sowie aus der Zivilgesellschaft aufzunehmen. Viele davon kannte ich bereits aus meinem früheren Job, aber jetzt lerne ich sie in einer neuen Rolle kennen. Neu ist für mich auch, auf zwei politischen Ebenen gleichzeitig unterwegs zu sein und mit diesen unterschiedlichen Rollen umzugehen – in der Landespolitik und der Bundespolitik. Eine weitere große Veränderung ist die Aufmerksamkeit, die dieses Amt mit sich bringt. An meinem ersten Tag wurde mir bewusst: Alles, was ich jetzt sage, hat einen deutlich größeren Impact.
Im Vergleich zu Ihrem Vorgänger Sven Lehmann, der als Staatssekretär direkt in die Bundesregierung eingebunden war, agieren Sie als sächsische Landtagsabgeordnete aus einer anderen strukturellen Position heraus. Welche Herausforderungen bringt das mit sich, und wie gelingt es Ihnen dennoch, queere Themen auf Bundesebene wirksam zu vertreten?
Eine Herausforderung ist, dass mein Team immer noch im Aufbau ist. Momentan sind wir nur wenige Personen und es steckt unglaublich viel Herzblut in dem, was wir tun. Wir merken, dass zunächst vor allem viel Kennenlern- und Aufbauarbeit nötig ist, sowohl innerhalb des Ministeriums als auch ressortübergreifend. Das sehe ich aber auch als große Chance: Das direkte Gespräch mit Minister:innen bietet die Möglichkeit, zu erklären, warum es meine Position überhaupt gibt. Diese Frage beschäftigt verständlicherweise manche Politiker:innen sowie Teile der Gesellschaft, die bisher wenig Berührungspunkte mit queeren Themen hatten. Ich glaube fest daran, dass wir durch direkten Austausch und Dialog viel erreichen können. Wenn es gelingt, das politische Berlin mit der Zivilgesellschaft und der queeren Community an einen Tisch zu bringen, können wir auch in einer Regierung, die auf den ersten Blick vielleicht nicht so progressiv wirkt, Veränderungen für die queere Community bewirken.
Natürlich gibt es hier auch Grenzen. Ich sehe keinen Sinn darin, Gespräche mit überzeugt queerfeindlichen Personen zu führen, die sowohl meinem Amt als auch der Community die Existenz absprechen. Ich konzentriere mich auf diejenigen, die entweder Teil der Community sind, bereits Allies oder offen dafür, dazuzulernen.
Sie sind in einer Zeit ins Amt gestartet, die einerseits durch die Pride Season geprägt ist und andererseits das Thema Queerness noch stärker in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt hat. Gab es für Sie zu Beginn Ihrer Amtszeit einen Moment, der Ihnen besonders deutlich gemacht hat, weshalb Ihre Arbeit und diese Position so wichtig sind?
Mir war schon vorher klar, wie wichtig diese Position ist, da ich selbst aus der Zivilgesellschaft komme. Bevor ich in den Landtag gewählt wurde, habe ich für das Queere Netzwerk Sachsen gearbeitet und hatte dort bereits mit Sven Lehmann zu tun. Schon da war mir bewusst, wie entscheidend es ist, eine Ansprechperson in der Bundesregierung zu haben, der man direkt mitteilen kann: „Achtung, hier gibt es dringenden Handlungsbedarf! Hier passieren Dinge, bei denen wir Unterstützung brauchen.“ Für viele Menschen in der Community ist das Amt der Queerbeauftragten ein echter Hoffnungsanker – die Gewissheit, dass jemand direkt in der Bundesregierung für ihre Belange arbeitet.
Jetzt bin ich plötzlich selbst in dieser Rolle. Mein erster öffentlicher Auftritt in dieser Funktion war der CSD in Dresden – quasi ein Heimspiel. Zeitgleich zum CSD gab es eine rechtsextreme Demonstration. Das hat mir nochmal eindrücklich gezeigt, wie notwendig es weiterhin ist, für unsere Rechte auf die Straße zu gehen. Es gibt nach wie vor Menschen, die unsere Existenz leugnen und unsere lang erkämpften Rechte am liebsten wieder abschaffen würden.
Gerade während des Pride Month äußern sich viele Unternehmen solidarisch und zeigen Unterstützung, doch oft schwingt der Vorwurf des Pinkwashings mit. Was würden Sie sagen, auch basierend auf Ihrer Erfahrung im Dialog mit Unternehmen: Wie kann wirtschaftliches Engagement authentisch und nachhaltig gestaltet werden?
Die Debatte um die Regenbogenflagge am Bundestag zeigt meiner Meinung nach, wie wichtig es grundsätzlich ist, dass sich Institutionen und Unternehmen positionieren. Nachhaltig wird Engagement erst, wenn es über symbolische Gesten hinausgeht und auch in raueren Zeiten Bestand hat. Das bedeutet beispielsweise, dass fest in den Strukturen verankerte Richtlinien – etwa zu Transitionsprozessen – existieren und Mitarbeitende im Umgang mit queeren Menschen geschult werden. Ich selbst habe in Sachsen Polizeianwärter:innen trainiert – etwa im sensiblen Umgang bei Durchsuchungen oder Vernehmungen von Betroffenen queerfeindlicher Gewalt. Diese Workshops waren großartig, weil die Teilnehmenden wirklich interessiert waren und viel lernen wollten. Für Unternehmen gilt Ähnliches: Sie sollten sich fragen, ob sie queere Mitarbeitende in ihren eigenen Reihen haben – was statistisch gesehen sehr wahrscheinlich ist – und wie sie diese unterstützen können. Wichtig ist, dass Unternehmen sich in der Breite weiterbilden und auf Initiativen wie Proud at Work zurückgreifen, die dabei helfen können.
Symbolische Gesten wie das Hissen einer Flagge finde ich persönlich wichtig. Aber dabei darf es nicht bleiben. Wenn ein Unternehmen beides schafft – sichtbare Solidarität und nachhaltige Maßnahmen –, dann ist das genau der richtige Weg. Und ich wünsche mir, dass gerade große Unternehmen in Deutschland diesen Anspruch erfüllen.
Queerfeindlichkeit hat auch wirtschaftliche Folgen – sei es durch Diskriminierung am Arbeitsplatz oder den Ausschluss bestimmter Gruppen vom Arbeitsmarkt. Welche politischen Maßnahmen braucht es, um queere Menschen in der Arbeitswelt besser zu schützen und zu fördern?
Die zentrale Frage ist, was politisch vorgegeben werden kann, um positive Veränderungen zu bewirken. Ein Negativbeispiel sind hier die USA, wo politische Entscheidungen dazu führen, dass Unternehmen ihre Diversity-Strukturen zurückfahren. Das ist genau der falsche Weg. Stattdessen wünsche ich mir, dass die Politik Unternehmen darin stärkt, solche Strukturen aufzubauen und zu fördern. Wir haben in Deutschland das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG), mit dem ein rechtssicherer Rahmen im Kontext von Diskriminierung geschaffen wurde. Eine wichtige politische Aufgabe für die vor uns liegende Wahlperiode ist es daher, dieses Gesetz auf die Höhe der Zeit zu bringen und Lücken zu schließen. Wir sehen noch an zu vielen Stellen rechtliche Unsicherheiten. Das schadet allen Beteiligten. Ich wünsche mir, dass auch große Unternehmen den auch finanziellen Mehrwert von Rechtssicherheit in diesem Zusammenhang anerkennen und sich gemeinsam mit der Zivilgesellschaft für diese Reform stark machen. Wir müssen gesellschaftlich anerkennen, dass Rechtssicherheit gegen Diskriminierung nichts mit bürokratischer Belastung zu tun hat, sondern mit Entlastung – und mit dem Erhalt einer guten, diversen Belegschaft.
Was sind vor diesem Hintergrund in Ihren Augen die größten Chancen für Fortschritte in der Gleichstellungspolitik?
Ich habe mehrere Herzensthemen: Das erste ist, dass wir die Rechte queerer Menschen endlich in Artikel 3 des Grundgesetzes absichern. Warum sage ich „endlich“? Es war kein Vergessen, sondern eine bewusste Entscheidung, die queere Community nicht explizit im Grundgesetz zu nennen. Das ist ein historischer Fehler und eine Lücke, die dringend geschlossen werden muss – gerade mit Blick auf internationale Entwicklungen. Wir sehen ja, wie schnell diese Rechte zurückgenommen werden können.
Das zweite Thema ist das Abstammungsrecht. Stellen Sie sich ein verheiratetes lesbisches Paar vor, bei dem die austragende Mutter bei der Geburt stirbt. In diesem Fall wird das Kind rechtlich zur Vollwaise – unabhängig davon, dass es eine andere Ehefrau gibt, die längst sozial Verantwortung für das Kind trägt. Diese Frau wird erst dann rechtlich als Mutter anerkannt, wenn sie das Kind adoptiert. In jeder heterosexuellen Ehe, in die ein Kind hineingeboren wird, gelten automatisch beide Partner als Elternteile. Dieses Unrecht muss beseitigt werden, und zwar so, dass möglichst alle queeren Familienformen berücksichtigt werden.
Das dritte Thema ist das Selbstbestimmungsgesetz, das bis 2029 evaluiert werden soll. Bereits nächstes Jahr steht eine Teilevaluation an. Mir ist wichtig, dass diese Debatte sachlich geführt wird – basierend auf Zahlen, Fakten und den Perspektiven der Menschen, deren Rechte durch das Gesetz verwirklicht werden sollten. Ich bin überzeugt, dass eine nüchterne Betrachtung zeigen wird, wie viele Vorteile dieses Gesetz gebracht hat und wie sehr es das Leben von trans* und nicht-binären Personen erleichtert. Diese positiven Effekte werden jeden Zweifel überwiegen.
Und international betrachtet gibt es noch die fünfte Antidiskriminierungsrichtlinie, die bisher noch nicht beschlossen werden konnte, weil Deutschland sie seit 2008 blockiert. Ich hoffe sehr, dass wir dazu eine Neupositionierung hinbekommen und diese Richtlinie endlich beschließen können.
Blicken wir auf das europäische „bigger picture“. Beim diesjährigen CSD in Budapest wurde die Veranstaltung zu einer großen Demonstration gegen Viktor Orbán und seine queerfeindliche Politik. Was überwiegt bei Ihnen – die Bedenken angesichts der ungarischen Politik oder das Signal der zivilgesellschaftlichen und politischen Solidarität, das hier EU-übergreifend ausgedrückt wurde?
Das positive Gefühl überwiegt, die Dankbarkeit für alle Menschen, die dort waren – vor allem auch Menschen aus ganz Ungarn, die zum Teil gar nichts mit der Community zu tun haben, aber ein Stoppschild gegen Orbáns queerfeindliche Politik setzen wollten. Ich sehe da Parallelen zu meiner ostdeutschen Erfahrung: Immer dann, wenn Queerfeindlichkeit besonders laut wurde, ist ein neuer CSD entstanden. Ostdeutschland hat so viele CSD-Demonstrationen wie nie zuvor, obwohl die politische Stimmung oft gegen uns ist. Dieses Gefühl hatte ich auch in Bezug auf Budapest. Die politische Repression kann noch so groß sein, und ja, das Leben für queere Menschen in Ungarn ist nicht leicht. Aber an diesem einen Tag wurde ein kraftvolles Signal ausgesendet: „Ihr bekommt uns nicht leise, und ihr werdet uns nicht los.“
Natürlich bedeutet das nicht, dass damit alles gelöst ist. Es bleibt wichtig, weiterhin wachsam zu bleiben, Menschenrechtsverletzungen zu sanktionieren – auch vor dem EuGH – und gleichzeitig diejenigen zu unterstützen, die bereit sind, für einen politischen Wandel hin zu mehr Offenheit und Fortschritt einzutreten. Polen ist dafür ein gutes Beispiel: Es hat lange gedauert, die Entwicklungen unter der PiS-Partei rückgängig zu machen, aber kürzlich wurde die letzte sogenannte LGBT-freie Zone aufgehoben. Das zeigt, dass Hoffnung berechtigt ist und Verbesserungen möglich sind. Genau diese Hoffnung habe ich auch für Ungarn.
Im Gespräch mit Tobias Jerzewski und Leah Moll
Sophie Koch ist seit Mai 2025 Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt im Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). Bei der Landtagswahl 2024 zog sie für die SPD in den sächsischen Landtag ein. Die studierte Politikwissenschaftlerin engagiert sich besonders für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt und ist Helferin im Katastrophenschutz bei der Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.
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