Mehr Herz und Lautstärke

2018-08-27T10:50:31+00:0020. Juni 2018|

Die meisten Menschen kennen nur ein friedliches Europa. Deshalb erwächst daraus die Verantwortung, seine Werte zu verteidigen, meint Daniel Mack.

Ich bin Europäer. Ich kenne nur das wiedervereinigte Deutschland. Über 80 Millionen Menschen, die in Freiheit und Demokratie leben. Alles andere kenne ich nur aus dem Geschichtsunterricht in der Schule. Zäune zwischen uns und unseren Nachbarn habe ich nie gesehen. Straßenschilder haben mir auf Reisen irgendwann verraten, dass ich in einem anderen Land bin, das ich gar nicht als solches wahrnehme, sondern eher als eine andere Region.

Flüge nach Rom oder Kopenhagen sind für mich nicht von solchen nach München oder Stuttgart zu unterscheiden. Der Weg zum Auswärtsspiel nach Hamburg war für mich immer länger als die Reise zum Champions-League-Spiel nach Barcelona, um einer deutschen Mannschaft die Daumen zu drücken. Man steigt ein, wieder aus und ist angekommen.

Ich fürchte, viele in meiner Generation haben Europa zu selbstverständlich genommen. Ich schließe mich ein. Wir haben Europa nie erkämpfen müssen, sondern haben es als Geschenk dankbar angenommen. Die meisten von uns zu unbewusst. Wir haben uns dieses Geschenk, in Frieden und Freiheit und ohne Grenzen zu leben durch nichts verdient. Wir haben das Glück, hier leben zu können und quasi – in positiver Abwandlung des Zitats von Helmut Kohl über die „Gnade der späten Geburt“ – das Glück der Geburt in Frieden und Wohlstand.

Gerade deshalb erwächst daraus für uns die Verantwortung, Europa und seine Werte zu verteidigen, etwas für den Zusammenhalt auf unserem Kontinent zu tun, über die Grenzen von Deutschland hinaus zu blicken. Es reicht dabei nicht, nur mit unseren Freunden zu reden. Wir müssen laut und wahrnehmbar sein. Nicht abgehoben in elitären Kreisen, sondern im Netz, auf der Straße, aber auch dort wo wir uns tagtäglich bewegen, auf der Arbeit, im Nahverkehr, im Biergarten.

Wir dürfen nicht zulassen, dass diejenigen, die unser Europa mit nationalem Populismus, Diskriminierung und Sexismus genau in die Kälte zurück bringen, aus der es vor über 70 Jahren mit viel Mut und Liebe erschaffen wurde. Wir müssen diese Zusammenarbeit verstärken, die auch in Zukunft ein ständiger Kompromiss zwischen Nationalstaaten mit berechtigten eigenen Interessen sein wird. Denn wer Kompromisse schließt, verträgt sich mit seinen Nachbarn.

Deutschland ist aktuell nicht gespalten

In den aktuellen Debatten findet zu viel keine große Erwähnung mehr. Die Arbeitslosigkeit befindet sich in Deutschland auf einem Rekordtief, noch nie hatten so viele Menschen einen festen Job, die Kriminalitätsrate ist so niedrig wie seit 1993 nicht mehr und viele unserer Bundesländer und Kommunen zahlen Schulden der Vergangenheit zurück. Wir müssen noch stärker deutlich machen, dass es dank Europa nie eine freiere und offenere Gesellschaft in Deutschland gab als 2018. Das Ehrenamt verzeichnet in vielen Bereichen Rekordzahlen. Millionen Menschen engagieren sich in unserem Land, in ihrer Nachbarschaft, für Sportvereine, im kulturellen Bereich, für Integration, weil ihnen der Zusammenhalt unserer Gesellschaft etwas wert ist.

Dieses Land ist heute nicht gespalten. Wenn allerdings nur diejenigen laut und wahrnehmbar sind, dann dauert es nicht mehr lange, bis wir den Zustand der echten Spaltung erreichen.

Der Sohn eines befreundeten Paares hält bei der aktuellen Fußball-Weltmeisterschaft nicht zu den Herkunftsländern seiner Eltern. Mit Überzeugung drückt er der belgischen und französischen Mannschaft die Daumen, kennt alle Spieler und fachsimpelt über die besten Aufstellungen. So wie sich Europa im Kleinen anfühlt, so muss es im Großen wirken. Wir müssen denen harte Grenzen setzen, die Gemeinschaft und Zusammenhalt aufkündigen wollen. Nationale Alleingänge stellen keine Alternative zum freiheitlichen Europa dar. Sie bedeuten das bittere kalte Ende.

Europa braucht Mut und eine glaubwürdige greifbare Erzählung. Und ja, wir, die Europa lieben, weisen immer wieder auf den Frieden hin, den uns die europäische Zusammenarbeit in den letzten 70 Jahren gebracht hat. Europa hat gerade uns in Deutschland auch mehr Wohlstand und Freiheit gebracht. Für diejenigen, die nicht viel reisen, nicht oft in Nord-, Süd-, Ost- oder Westeuropa Urlaub machen, haben Reisefreiheit und abgeschaffte Roaminggebühren keine große Bedeutung. Derjenige, der sich seine Wohnung im Zentrum der Metropole nicht mehr leisten kann, weil Investoren aus anderen Staaten teuer sanieren und Mieten nach oben schnellen lassen, sieht sich als Opfer der Deregulierung. Und die vielen jungen Menschen in Südeuropa, die davon träumen in Europa alles erreichen zu können, ihr Leben gestalten wollen, um daraus etwas Großes machen zu können, aber keinen Job finden, sehen sich auch nicht als Gewinner.

Europas Schwächen müssen benannt werden

Europa wird nur überzeugen können, wenn es sich um mehr Teilhabe bemüht, nicht um weniger. Europa muss deutlich machen, dass es gemeinsame Antworten auf all die sozialen Fragen braucht, weil jedes Land ansonsten ganz allein für sich ein Spielball globaler Machtspiele mit immer unberechenbareren Gestalten wäre. Europa wird nach außen nicht stärker, wenn es nach innen schwächer wird, wenn wir den Rechtsstaat aushöhlen und nachgeben, weil es von Nationalisten wie Islamisten angegriffen wird.

Gerade wir, die Europa lieben, müssen auch offen und wahrnehmbar über die Schwächen der Zusammenarbeit sprechen. Wir müssen darüber reden, was dringend angegangen werden muss, um den Zusammenhalt und das Vertrauen wiederherzustellen.

Politik funktioniert im Großen immer über das Versprechen einer besseren Zukunft für alle. Die europäische Idee hat in der Vergangenheit eindrücklich bewiesen, dass sie das Leben – übrigens nicht nur in Europa – signifikant verbessert. Ich bin überzeugt, dass die nationalistische Idee, die Idee der Abschottung und der völkischen Identitäten, uns keine bessere Zukunft bescheren werden – im Gegenteil. Auch das hat die Vergangenheit gezeigt. Aber auch mit Abschottung lässt sich Stimmung und Politik machen – es ist die Politik der Angst vor der Zukunft. Dagegen müssen wir uns jetzt wehren. Die Zukunft von Europa geht nur mit Demokratie, Zusammenhalt und Teilhabe am Wohlstand. Wenn wir uns für diese Werte einsetzen, wird die europäische Idee gewinnen.

 

Der Text ist am 19. Juni 2018 im Handelsblatt online erschienen.