Wir treffen Axel Hacke zum Gespräch in seinem ganz persönlichen Chaos. Hacke ist bekannt für seine humorvollen Texte und den Blick für das Detail. Dabei geht es auch um die Macht der Beobachtung und die Suche nach Hoffnung. Warum er in seinem neuen Buch Gefühle erforscht, wie man im Chaos Struktur findet und welche Rolle Literatur in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung spielt, verrät uns der Schriftsteller und Kolumnist im Interview.
Herr Hacke, Ihr neues Buch erscheint bald. Wie viel Chaos steckt im Prozess des Buchschreibens?
Sie müssen sich nur im Büro hier umsehen, wie viel Chaos das ist. Für mich bedeutet das totale Konzentration auf diese Arbeit, weil ich meistens unter starkem Termindruck stehe. Dann muss alles andere hintanstehen. Das Schöne an diesem Prozess ist, dass man sich da so langsam rauskämpft, wie aus einem unübersichtlichen Morast, weil man am Anfang ja gar nicht genau weiß, was das eigentlich wird. Ich hatte den etwas vagen Gedanken, dass „Gefühle“ in unserem gemeinsamen Leben, sowohl im Privaten als auch im Öffentlichen, eine immer größere Rolle spielen. Ohne dazu mehr sagen zu können. Das war einfach nur so ein Empfinden. Dem auf den Grund zu gehen, hat sehr viel mit Chaos und Struktur zu tun. Das macht aber Freude. Natürlich ist es auch beängstigend, weil jedes Chaos beängstigend ist. Kein Mensch will Chaos. Der Mensch sehnt sich nach Ordnung und nach Struktur. Das geht wahrscheinlich jedem von uns so.
Gefühle sind alltägliche Elemente, die uns begleiten. Viele Ihrer Texte ziehen ihre Kraft aus alltäglichen Beobachtungen. Was können wir aus diesen kleinen Momenten lernen, insbesondere wenn das große Ganze ein bisschen chaotischer erscheint?
Als gelernter Reporter habe ich das genaue Beobachten gelernt. Bei meiner Arbeit bedeutet das zunächst, mich selbst zu betrachten: Was macht das mit einem? Was geschieht, wenn man sich selbst in dieser Situation betrachtet? Man spürt ein Grundgefühl wie Angst. Das geht jedem so. Die momentane Weltlage wirkt beängstigender als vor 30 Jahren. Damals schien die Welt politisch noch anders sortiert. Die Dinge hatten ihre Ordnung. Das war beruhigend. Das hat sich aber aufgelöst. Wir haben ganz andere Führungsfiguren, neue Kriege, neue Konflikte. Viele Menschen haben auch zu Recht unglaubliche Angst vor den Klimaveränderungen. Man muss also erstmal schauen: Was ist mit mir los? Ich habe Angst. Warum habe ich Angst? Weil ich mich ohnmächtig fühle. Ohnmacht ist ein Gefühl, das Menschen schlecht aushalten können. Deshalb gestehen sie sich diese Angst und Ohnmacht oft gar nicht ein, sondern gehen gleich zu einer Antwort über. Die Antwort ist dann oft: Klimaveränderungen gibt es nicht oder sie sind nicht menschengemacht. Wir können weiterleben wie bisher. Das ist genau das, was populistische Parteien tun. Sie sagen den Leuten: „Ihr braucht keine Angst zu haben. Das ist alles nur Gerede von verblendeten Ideologen. Lasst euch davon nicht einschüchtern.“
Welche Rolle spielt Literatur in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und globaler Krisen? Hat sie noch die Kraft, Menschen zu verbinden und neue Perspektiven zu eröffnen, oder geht sie in unserer schnelllebigen Zeit verloren?
Ich glaube, es gibt nach wie vor ein riesiges Interesse an Literatur. Es ist unbestreitbar, dass sie zum menschlichen Ausdrucksbedürfnis gehört: Menschen haben sich etwas zu erzählen. Wenn man Literatur wahrnehmen will, dann muss man lesen. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Und da stelle ich eine Auseinanderentwicklung fest: Es gibt Leute, die überhaupt nicht mehr lesen, weil das Zeitbudget einfach nicht mehr da ist und weil sie die Geduld nicht mehr aufbringen. Und es gibt auf der anderen Seite Leute, die das noch viel mehr wollen als früher, weil sie das Gefühl haben, es hat keinen Sinn, sich im Säurebad dieser sozialen Medien aufzulösen. Das macht einen doch wahnsinnig, wenn man das den ganzen Tag betreibt. Das ist auch nur erklärlich über Gefühle, weil dort Gefühle befriedigt werden nach Zugehörigkeit, nach Unterhaltung und nach Ablenkung. Wir leben nun mal in einem Zeitalter der Bilder und die Buchstabenwelt kommt da nur schwer hinterher.
Ist nicht genau das die Aufgabe von Autorinnen und Autoren, zu versuchen, die breite Masse wieder mehr zu erreichen?
Man muss sich vielleicht nicht zuerst Gedanken machen, wen man erreichen will, sondern erstmal darüber nachdenken, womit man sich beschäftigen möchte. Und natürlich ist es sehr bequem, in seinem Stübchen zu sitzen und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das muss auch nichts Schlimmes sein. Nur ist es natürlich mühsamer, mal rauszugehen und zu recherchieren. Das ist etwas, was ich als Reporter immer versucht habe. Als die DDR zusammengebrochen ist, bin ich mit Schlafsack in mein Auto gestiegen und dahin gefahren, wo ich noch nie war. Und ich habe mich nicht dafür interessiert, was Helmut Kohl oder Hans Modrow gesagt haben. Ich habe mich gefragt: Was ist eigentlich mit den ganz normalen Menschen? Was bedeuten die politischen Veränderungen für ihr Leben? Das ist zugleich Frage der Literatur und des Journalismus. Wer beschreibt mir heute eigentlich das Alltagsleben in einer sächsischen Kleinstadt? Wer schildert die seelischen Dramen, die Veränderungen, die die Leute dort durchmachen? Warum sind sie so, wie sie sind? Das erfahre ich eigentlich kaum.
Sehen Sie Parallelen zwischen der Literatur und der Politik, insbesondere hinsichtlich des Verlusts des Kontakts zu Kernklientel und ländlichen Regionen, wie er oft kritisiert wird? Geht uns gesellschaftlich das Gefühl für den Zusammenhalt verloren?
Ich glaube schon. Wo sind im Bundestag die Leute, die noch wirklich einen einfachen Beruf ausgeübt haben? Die Handwerker sind oder waren, die Arbeiter sind oder waren, die die tägliche Arbeitswelt kennen? Da sitzen vorwiegend Lehrer, Beamte, Leute, die ihr Leben lang Politik gemacht haben, die irgendwie schon während des Studiums damit angefangen haben und einen anderen Alltag als Politik gar nicht kennen. Das macht es auch schwer, in diesen politischen Bereich dann später noch reinzukommen. Die Grünen beispielsweise sind zu einer städtischen Partei geworden, was dazu führt, dass sich viele Menschen auf dem Land von ihr belehrt fühlen. Es fehlt an Leuten, die das ländliche Leben aus eigener Erfahrung beurteilen können und deshalb glaubwürdig sind. Die Entfremdung zwischen Stadt und Land manifestiert sich in dieser Partei besonders deutlich.
Bietet ein solches Stadt-Land-Gefälle in Ihren Augen einen besonderen Nährboden für Populismus?
Diese gesellschaftliche Spaltung erschwert es Autoren und Literatinnen, Zugang zu finden. Was ich kritisiere, ist, dass die eine Seite in der Politik nur noch auf die andere reagiert. Sie lässt sich die Themen vorgeben und folgt dem Zirkus, der da aufgeführt wird. Die Leute regen sich permanent über Donald Trump auf – zu Recht. Dann regen sie sich aber darüber auf, dass der bayerische Ministerpräsident täglich seine Mahlzeiten postet, was ich persönlich geradezu unwürdig finde. Aber ich würde mich damit eigentlich nicht weiter beschäftigen wollen, weil wenn er das machen will, dann soll er das machen. Ich habe keine Lust mehr, mich mit diesem Quatsch zu beschäftigen. Natürlich kann ich darüber reden, dass er gerne Spaghetti Miracoli isst, aber warum? Das sind doch nicht die Themen, die uns wirklich ausmachen. Was mir also fehlt, ist, dass die Populisten auf der einen Seite klare Ziele formulieren und klare Positionen vorhanden sind, während es auf der anderen Seite an Idealen, an einer Vision fehlt. Wer weiß, was die Demokratische Partei in den USA eigentlich will? Es gibt da nichts, wofür es sich zu engagieren lohnt. Es gibt nur immer Widerspruch, aber nichts Eigenes. Das finde ich äußerst problematisch. Man muss sich doch selbst für etwas begeistern, und erst dann kann man auch andere davon überzeugen. Diese Begeisterung vermisse ich.
Da fällt einem zum Beispiel die visionäre europapolitische Rede von Joschka Fischer vor 25 Jahren ein. Verliert man sich heute zu sehr im Klein-Klein?
Es ist interessant, dass Sie Joschka Fischer erwähnen, weil er etwas verkörpert hat. Ich bin politisch sozialisiert worden in der Zeit von Willy Brandt. Als er 1972 wiedergewählt wurde, bin ich mit einer „Willy wählen“-Plakette durch die Gegend gezogen. Als Brandt in seiner ersten Regierungserklärung von mehr Demokratie wagen sprach; dieses „Wagen“, das ist doch das Entscheidende. Dass man wirklich etwas ausprobieren wollte, ein Ziel hatte und wirklich etwas substanziell verändern wollte. Willy Brandt hat diese Melancholie, ja diesen Weltschmerz, geradezu verkörpert. Er war persönlich geplagt von dem, was ihn da bewegte. Das fand ich sehr beeindruckend. Das war ein Gefühl, das war eine Emotion, und so eine große Emotion gibt es heute nicht mehr. Damals war das aber sehr bewegend und hat dieses Land verändert. Wir hatten ungeheuer hohe Wahlbeteiligungen und die SPD hat an den 50 Prozent gekratzt. Das waren große Gefühle, die die Menschen bewegt haben, und niemand scheint heute in der Lage zu sein, solche großen Gefühle zu formulieren oder zum Thema zu machen.
Inwiefern sehen Sie als Autor eine Verantwortung darin, Hoffnung zu spenden oder Ohnmachtsgefühle abzubauen?
Ich fühle die Verantwortung, mich damit auseinanderzusetzen, habe aber nicht das Gefühl, dass ich derjenige bin, der jetzt die Welt verändert. Ich beschäftige mich eigentlich immer mit Dingen, die mich interessieren und denen ich gerne auf den Grund gehen möchte. Von mir werden Sie nicht hören: „Ich muss jetzt die Menschen erreichen, ich muss sie bewegen, ich muss die Welt verändern.“ Das ist mir eine Nummer zu groß. Meine Spezialität ist vielmehr, mich mit Sachen zu beschäftigen, die andere nicht sehen. Ich möchte Menschen nie belehren. Ich möchte Texte schreiben, die offene Gedankenprozesse erkennbar machen und den Leser dazu anregen, den eigenen Denkapparat zu aktivieren. Darum geht es mir.
Ihre Texte decken eine große Bandbreite an Erzählmethoden ab. Sie haben ganze Bücher aus Fundstücken und Zuschriften gesponnen und erreichen eine große Verbundenheit mit Ihren Leserinnen und Lesern. Wie äußert sich das im Arbeitsalltag?
Es verbindet mich wirklich sehr mit Leserinnen und Lesern, und das finde ich sehr schön. Ich bekomme tatsächlich jeden Tag Sachen zugeschickt, die Leute irgendwo entdeckt haben. Irgendeine lustige, schlecht übersetzte Speisekarte oder Ähnliches. Neulich habe ich in meinem Newsletter geschrieben, dass mir ein Leser nach dem Aua-Buch vorgeschlagen hat, man könnte doch mal den Körper Deutschlands anhand von Straßennamen beschreiben. In Hamburg gibt‘s das Schulterblatt. In München-Pasing gibt‘s das Knie – das sind Straßennamen. Dann habe ich die Leute gebeten, mir Straßenschilder und Straßennamen aus ganz Deutschland zu schicken. Und jetzt hört es einfach nicht auf. Ich finde es wahnsinnig lustig, dass die Leute im Urlaub beim Essen sitzen, irgendeine ulkige Speisekarte sehen, sie fotografieren und mir schicken. Dass Menschen da fern von mir am Tisch sitzen und denken: „Oh, das muss ich mal dem Hacke schicken.“ Mich macht in meinem Leben als Autor besonders glücklich, dass es diese Verbindung zu ganz normalen Leserinnen und Lesern gibt.
Wie kriegen wir diese Verbundenheit auch ins Politische übersetzt?
Wir leben in einem System, das nach Aufmerksamkeit giert und auf Aufmerksamkeit basiert. Bei Medien, auch bei den ernsthaften Medien wie der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen, geht es um Klicks und darum, möglichst viel Zustimmung zu finden. Früher ging es einfach um Wahrheit. Man wollte eine Wahrheit erzählen. Man wollte an einem Diskussionsprozess teilnehmen. Heutzutage steht die Gewinnung von Aufmerksamkeit im Mittelpunkt. So ist das System, das kann man Einzelnen gar nicht vorwerfen, aber da stimmt doch etwas nicht. Es muss doch um die Verbindung mit anderen Menschen gehen. Menschen werden belohnt, wenn sie möglichst viel Aufmerksamkeit für sich erzeugen, das ist nicht wirklich sinnvoll. Donald Trump ist das schlimmste Beispiel dafür. Er schafft es, die Welt täglich mit seiner Fassade zu beschäftigen und lenkt so von den eigentlichen Inhalten ab.
Ihr Schreiben findet nicht im Vakuum statt, sondern vor dem Hintergrund globaler Krisen wie dem Leid in der Ukraine. Was gibt Ihnen in Ihrer Arbeit Hoffnung – angesichts dieses Spannungsverhältnisses von Chaos und Chancen?
Ich lese gerade ein wahnsinnig interessantes Buch: „Hoffnung für Verzweifelte“ von der jungen britischen Wissenschaftlerin Hannah Ritchie. Die macht nichts anderes, als sich alle Fakten, die es zum Thema Klimawandel, Entwaldung, Ernährung etc. gibt, anzuschauen. Das Interessante ist, dass sie dabei zu positiven Ausblicken kommt und eben nicht sagt, dass wir kurz vor dem Ende stehen. Von solchen Apokalypsen habe ich noch nie so wahnsinnig viel gehalten, denn die gab‘s immer. Die Apokalypse gehört zumindest im westlichen Teil der Welt einfach dazu. Schon in der Bibel finden wir die Sintflut und andere Untergangsvisionen. Der Mensch scheint das zu brauchen, um sich wiederzufinden. Ich weiß nicht, warum, aber wenn man die Tatsachen anschaut, und das tut Ritchie in ihrem Buch, dann entdeckt man, dass wir eigentlich schon viel weiter sind, als man denkt. Ich habe heute Morgen ein Interview gelesen mit dem Vorstand von Vattenfall in Deutschland, der gesagt hat, dass die Energiewende überhaupt nicht mehr rückgängig zu machen ist. Die geschieht, und es geht nur noch darum, sie vernünftig voranzubringen. Der Anteil der erneuerbaren Energien ist nur ein Beispiel für Hoffnung. Der steigt in einem Ausmaß, wie wir das in den großen Schlagzeilen gar nicht so richtig wiederfinden. Und es geht darum, sich mit solchen Tatsachen auseinanderzusetzen und sich nicht diesem täglichen, oberflächlichen Gerede in den sozialen Medien hinzugeben. Nicht im Wahnsinn der Schlagzeilen zu leben, sondern einfach genauer hinzuschauen. Dann wird man, glaube ich, eine Menge Gründe für Hoffnung finden.
Im Gespräch mit Tobias Jerzewski und Simon Rutz
Axel Hacke lebt als Schriftsteller und Kolumnist des Süddeutsche Zeitung Magazins in München. Er ist für seine humorvollen und oft autobiografisch geprägten Texte bekannt, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden. Als aufmerksamer Beobachter des Alltags schreibt er in seiner wöchentlichen SZ-Kolumne
„Das Beste aus aller Welt“ über die kleinen Absurditäten des Lebens. Sein nächstes Buch „Wie fühlst du dich?“ erscheint am 1. Oktober.
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