Was bleibt, wenn (queere) Sichtbarkeit kein Geld mehr bringt – von Sophia Emmerich.
Ich wollte einfach nur Bilder machen, die ich selbst gebraucht hätte. Damals. Als junger Mensch auf dem Land. Personen sehen und zeigen, die ich später – fern des vermeintlichen Heimatidylls – kennenlernte, aber in Magazinen nicht fand. Geschichten erzählen, die es längst und überall gab – nur eben nicht auf Plakatwänden. Nicht in Werbespots. Nicht in Filmen.
Damals fühlte sich das nicht revolutionär an. Im Gegenteil: Es schien, als wären wir – als Gesellschaft – auf einem guten Weg. Bundesweit zeigten Unternehmen Flagge, Pride-Kampagnen wurden zum Kassenschlager, queere Perspektiven sichtbarer – in Werbung, in Ausstellungen, auf Events. Wer sich als „Good Corporate Citizen” verstand, war dabei. Manchmal sogar gleich bei mehreren Christopher Street Day-Paraden quer durchs Land. Queerness war en vogue. Heute ist sie „woke”.
Gegenwind gab es auch damals. Aber er war diffuser und schwerer zu greifen. Wo einst Hass-Kommentare von anonymen Accounts auf Social-Media-Kanälen – ohne Bild, mit kryptischem Namen – gesichts- und folgenlos blieben, stehen heute dieselben Haltungen sichtbar in Kommentarspalten, als Meinungsbeitrag in öffentlichen Profilen auf Karriere-Networks, auf (Gegen-)Demonstrationen und in Parlamenten. Laut, organisiert und öffentlich.
Ich habe gedacht, wir wären weiter. Und genau das macht mich heute wütend.
Wütend, dass Haltung so schnell zur Option wurde.
Wütend darüber, dass queere Repräsentanz nur so lange gewollt war, wie sie sich gut vermarkten ließ.
Also: Was macht man als eine Person, die sich seit Jahren für queere Sichtbarkeit einsetzt – lange bevor das Thema auf Marketingplänen stand? Man macht weiter. Aber anders.
Aus dieser Frustration heraus – und aus vielen Gesprächen mit anderen – ist Diversity for Sale entstanden. Eine visuelle Kritik an einer Entwicklung, die viele marginalisierte Gruppen betrifft: zuerst gefeiert, dann fallen gelassen.
Viele der Menschen auf meinen Bildern waren zuvor selbst Teil großer Pride-Kampagnen. Sie standen auf Bühnen, in Werbefilmen, auf Plakatwänden.
Diversity for Sale ist kein Geschäftsmodell. Keine Antwort auf alles. Aber es ist ein Anfang. Eine Haltung in Bildern. Ein Versuch, Sichtbarkeit zurückzuholen – zu denen, um die es wirklich geht.
Ich wollte, dass die Bilder genau dort hängen, wo sonst Werbung dominiert. Als Erinnerung daran, dass queere Sichtbarkeit nicht an Bedingungen geknüpft sein sollte. Als Zeichen dafür, dass Repräsentanz keine Währung sein darf, sondern ein Recht. Doch viele Anbieter von Werbeflächen lehnten ab. Zu laut die Kritik an denen, die ihnen Geld bringen. Zu nah an großen Marken. Zu unbequem.
Was blieb, war: Es trotzdem zu tun. Im Zweifel auf eigene Kosten.
Denn Sichtbarkeit auf öffentlichen Flächen wirkt anders als ein Post in der eigenen Bubble. Sie schafft mehr als nur Reichweite. Sie schafft Öffentlichkeit. Sie sagt: Wir sind hier. Wir gehören zu euch. Nicht als Ausnahme, sondern als Selbstverständlichkeit.
Ich will damit zeigen: Queere Menschen verschwinden nicht, nur weil sie nicht mehr gesehen werden. Wir sind nicht austauschbar. Nicht dekorativ. Nicht optional.
Ich glaube nicht, dass Kunst oder Fotografie allein die Welt verändern. Aber ich glaube, dass sie Fragen stellen können, wo andere längst wegschauen. Dass sie Räume öffnen – für Widerspruch, für neue Narrative, für ehrliche Auseinandersetzung. Und genau das ist mein Anspruch: nicht bequem zu sein, sondern notwendig.
Ich wollte damals Bilder machen, die ich selbst gebraucht hätte. Heute weiß ich: Wir alle brauchen sie noch immer.
Nicht als Dekoration. Sondern als Erinnerung daran, wer wir als Gesellschaft sind und sein wollen. Wer fehlt. Und wer mitgedacht werden muss.
Denn Haltung ist kein Trend. Kein Verkaufsargument. Keine Option.
Gerade jetzt, wo Sichtbarkeit wieder verhandelbar scheint, müssen wir sie verteidigen – und dabei lauter, ehrlicher, kompromissloser als die Gegenstimmen sein.
Lasst uns Diversity-Kampagnen in den Schlussverkauf setzen – jene bunte Juni-Inszenierung, die sich Applaus unterwirft, war nie genug. Und wie wir heute sehen: Sie hilft langfristig niemandem. Stattdessen ist es jetzt an uns, unsere gesellschaftliche Realität abzubilden, wie sie ist: vielfältig und echt.
Nicht nur dann, wenn es passt – sondern besonders dann, wenn es unbequem wird. Was bleibt, wenn Sichtbarkeit kein Geld mehr bringt? Hoffentlich: Haltung. Und der Wille, sichtbar zu bleiben. Immer.
Sophia Emmerich (sie/they) ist Fotograf*in und Filme-macher*in mit Sitz in Berlin. In ihrer Arbeit widmet sie sich Themen wie Identität, Diversität und Repräsentation – mit einem besonderen Fokus auf die LGBTQIA+–Community. Ihre Werke wurden international ausgestellt, unter anderem
in New York, London, Los Angeles und Barcelona. Für die Dokumentation AB HEUTE über trans-Rechte in Deutschland wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Sophia hat einen juristischen Hintergrund – ihr künstlerisches Schaffen ist eng verknüpft mit dem Einsatz gegen Diskriminierung und soziale Ungleichheit.
Bildnachweis © Sophia Emmerich