Helge Braun schaltet sich aus seinem Büro zum digitalen Interview dazu. Der Präsident der Uni Lübeck spricht über die Aufgabe der Wissenschaft in einer immer komplexeren Welt und die Verantwortung Deutschlands. Es geht um die Herausforderungen von KI sowie die Frage, wie Universitäten, Industrie und Forschung Innovationen schneller nutzbar machen können.

Herr Professor Braun, die Welt ist zunehmend von Krisen und Konflikten geprägt. Welche Rolle sehen Sie in diesem Kontext für die Wissenschaft?

Die Wissenschaft hat die Aufgabe mitzuhelfen, Krisen und Konflikte durch kluge empirische Erkenntnisse aufzulösen, aber sie ist selbst an vielen Stellen unter Druck. Wenn ich mir das Universitätsumfeld anschaue, sehe ich viel Verunsicherung. Denken Sie an die Lage in den USA, wo die Regierung mit sehr viel Druck und durch den Entzug von Geld Einfluss auf Universitäten nimmt. Aber die USA sind nicht das einzige Land. Auch in Holland sehen wir, dass die Politik weniger Studierende ins Ausland und weniger ausländische Studierende ins Land lassen möchte. Das beschäftigt viele Menschen. Nicht zuletzt deshalb haben wir in Lübeck eine Kampagne gestartet, die auf die Bedeutung von Wissenschaftsfreiheit hinweist. Nur wenn man Erkenntnisse frei gewinnt, können sie einen Beitrag zur Lösung von Krisen und Konflikten leisten.

Sie haben die Spannungen zwischen Wissenschaft und Politik in den USA exemplarisch am Beispiel des Umgangs mit der Eliteuniversität Harvard angesprochen. Besteht die Gefahr eines „Brain Drains“ durch Wissenschaftler, die das Land verlassen, und welche Folgen hätte das für die globale Forschung?

Die Entwicklung ist bedenklich, denn die USA sind eine der bedeutendsten Forschungsnationen überhaupt und ein wichtiger Partner. Wenn man sieht, dass Kooperationen einfach abgebrochen werden und auch der Austausch nicht mehr so reibungslos funktioniert, dann kommt Wissenschaft ins Stocken. Forschungsinfrastrukturen wie zum Beispiel große Datenbanken sind plötzlich nicht mehr für Europäer verfügbar, obwohl Europa sie immer mit Daten versorgt hat. Wenn jetzt mancher in den USA darüber nachdenkt, das Land zu verlassen, und sich ausländische Studier- ende und Wissenschaftler vom Wissenschafts-Sehnsuchtsort USA abwenden, birgt das Chancen für Europa, hervorragende Wissenschaftler anzuwerben. Das ist aber ein kleiner Vorteil neben einem großen Nachteil.

Wie kann Europa, insbesondere Deutschland, sich als attraktiver Forschungsstandort positionieren und welche Anreize sind nötig, um exzellente Wissenschaftler:innen anzuziehen und zu halten?

Deutschland und Europa müssen ein sicherer Hafen für die Wissenschaft sein. Die Freiheit von Wissenschaft und Forschung muss völlig außer Frage stehen. Das Signal sollte sein: Wir sind resilient und die Wissenschaftsfreiheit steht nicht zur Disposition. Außerdem brauchen wir hervorragende Forschungsinfrastrukturen. Ein Forscher kommt an eine Universität, weil er dort beste Rahmenbedingungen für seine Forschung erwartet. Deshalb sind Entbürokratisierung und eine Ermöglichungskultur wichtig.

Wie kann die Wissenschaft dazu beitragen, konstruktive Lösungen zu finden und das Vertrauen in eine rationale Entscheidungsfindung zu stärken, insbesondere angesichts der Gefahr politischer Einflussnahme und der Verbreitung von Fehlinformationen?

Wir müssen noch besser erklären, wie wir arbeiten. Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass sich die Menschen fragen, warum bestimmte Wissenschaftler die Politik beraten und andere nicht. Wir sollten deutlich machen, dass wissenschaftliche Politikberatung nicht bedeutet, dass die Politik sich den Wissenschaftler aussucht, dessen Position ihr am besten gefällt. Es muss klar werden, dass es in der Wissenschaft Mehrheits- und Minderheitsmeinungen gibt, sie aber in der Lage ist, empirische Erkenntnisse aufzubereiten und der Politik als Empfehlung an die Hand zu geben. Wissenschaft ist immer ein lernendes System. Das bedeutet, dass jede Erkenntnis, die als sehr sicher gilt, bestreitbar bleiben muss. Kontroverse Meinungen zweier hochkarätiger Wissenschaftler zum gleichen Sachverhalt sind immer akzeptabel, aber es muss eine Einordnung geben, wer repräsentiert die Mehrheitsmeinung der Wissenschaft und wer ist der Rebell, der zweifelt?

Wie stellen wir die ausreichende Finanzierung der Wissenschaft sicher, insbesondere in Bereichen, die für globale Herausforderungen relevant sind – etwa Klima oder Pandemien?

Wir leben in Zeiten angespannter Haushalte und das geht nicht spurlos an den Universitäten vorbei. Klar ist aber auch: Ohne eine ausreichende Finanzierung sind große Herausforderungen wie der Klimawandel, ein CO2-neutrales Leben oder der demografische Wandel nicht zu bewältigen. Wir können den Klimawandel nicht durch Verzicht und den demografischen Wandel nicht durch den massiven Ausbau unseres Gesundheitssystems meistern. Wir brauchen intelligente Lösungen und hier kommt die Wissenschaft ins Spiel. Doch sie muss ihre Hausaufgaben machen, indem sie beispielsweise in der Medizin und den Gesundheitswissenschaften zeigt, dass die gewonnenen Erkenntnisse beim Patienten ankommen. Neben einer guten Grundfinanzierung brauchen wir eine funktionierende Schnittstelle zwischen Industrie und Wissenschaft. Das ist noch zu kompliziert. Ich glaube an Modelle, wie den Spitzencluster-Wettbewerb, den ich mit auf den Weg gebracht habe. Denn die schönste Erkenntnis nutzt nichts, wenn wir sie nicht am Ende für die Menschheit nutzbar machen.

Wie kann die Zusammenarbeit zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und der Industrie in Europa gestärkt werden, um diese Innovationen schneller in die Praxis zu bringen?

Es braucht klare Regeln für diese Zusammenarbeit. Kooperationen scheitern immer wieder an der Frage, wem welche Rechte an den Erfindungen gehören und welche Erkenntnisse veröffentlicht werden. Manchmal wird hinterfragt, ob solche Kooperationen letztlich überhaupt erwünscht sind! Deshalb braucht es ein klares Bekenntnis dazu. Wenn ein Konsortium aus Industrieforschungseinrichtungen und Universitäten öffentlich gefördert wird, zeigt das, dass so etwas politisch erwünscht ist. Dort, wo wir die großen Menschheitsherausforderungen haben, ist entscheidend, dass wir die Welt verbessern, indem wir Innovationen in die Praxis bringen. Dafür müssen wir entbürokratisieren und Kooperationen ideell und finanziell aus öffentlichen Mitteln fördern.

Gedankensprung zum Thema KI: Die Entwicklungen in diesem Bereich sind wahnsinnig schnell. Wie kann Europa bei der KI-Forschung eine Balance zwischen dem Schutz der Datenhoheit, der Einhaltung ethischer Standards sowie der Verhinderung von Diskriminierung und der Notwendigkeit internationaler Zusammenarbeit finden, um im globalen Wettbewerb mit den USA und China bestehen zu können?

Bei einigem, was in den USA und China entwickelt wird, kann man mit Blick auf die Datensouveränität des Einzelnen und Diskriminierungsfreiheit große Zweifel haben. Und trotzdem nutzen viele Menschen bedenkenlos die bestehenden Möglichkeiten beispielsweise im Bereich der Unterhaltungselektronik. Ich bin aber überzeugt, dass es Bereiche gibt, in denen die Menschen in Europa dazu nicht bereit sind: Anwendungen beim Staat selbst oder im Kontext von Gesundheit. Hier reden wir über die sensibelsten Daten, die es gibt. Da müssen Standards eingehalten werden und wir müssen die KI kontrollieren können. Wir brauchen eine vertrauenswürdige KI made in Germany, entwickelt an einer deutschen Universität und umgesetzt von einem Unternehmen mit einer Datenhaltung in Deutschland. Hier können Deutschland und Europa vorangehen. Wir sollten uns darauf konzentrieren, unsere modernen und sehr gut sortierten Daten mit KI in der Medizin und sehr prominent besetzten Lehrstühlen im Bereich der IT-Sicherheit zu verbinden. Ich bin überzeugt, dass die Bürgerinnen und Bürger solchen Lösungen mehr vertrauen als amerikanischen oder chinesischen Datensilos. Wir haben aber noch Aufholbedarf.

Welche Botschaft möchten Sie jungen Menschen mitgeben, die sich für eine Karriere in der Wissenschaft interessieren, angesichts der komplexen und unsicheren Welt, in der wir leben?

Junge Menschen sollten ihren Träumen folgen. Wir an den Universitäten sind sehr froh über jeden jungen Menschen, der mit wissenschaftlicher Ambition zu uns kommt. Wir brauchen sie! Diese Wissenschaftler sind diejenigen, die eine positive Zukunft gestalten und mehr ermöglichen können als Politik und Diplomatie. Es gibt nichts Edleres, als sein Leben in den Dienst der Wissenschaft zu stellen.

Im Gespräch mit Marian Bracht und Verena Gathmann

Prof. Dr. Helge Braun ist seit 2025 Präsident der Universität zu Lübeck. Von 2021 bis zu seinem Start in Lübeck war er Vorsitzender des Haushaltsausschusses des Deutschen Bundestages, von 2018 bis 2021 Chef des Bundeskanzleramtes und Bundesminister für besondere Aufgaben unter Angela Merkel. Er ist Humanmediziner und vermisst gelegentlich die Einsätze im Notarztwagen. Er war von 2002 bis 2025 Mitglied des Deutschen Bundestages.

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