Philipp Westermeyer empfängt uns im Hamburger Schanzenviertel in der OMR-Geschäftsstelle. Wir sprechen mit ihm über die Entwicklung des Festivals, dessen Verbundenheit mit der Stadt Hamburg und blicken auf die wirtschaftliche Stimmung in Deutschland. Der OMR-Gründer und Podcaster erzählt uns zudem, was er Robert Habeck bei einer gemeinsamen Taxi-Fahrt empfohlen hat.

Unter der Initiative „Made for Germany“ haben kürzlich gut 60 Unternehmen über 600 Milliarden Euro an Investitionen in den Standort Deutschland zugesagt. Wenn Du an das OMR Festival denkst, wie siehst Du eure Rolle darin, Innovation in Deutschland zu ermöglichen und Investitionen anzulocken?

Grundsätzlich ist es der Zweck des Festivals, dass anwesende Firmen neue Kunden finden, wachsen können, gesehen werden und Bock haben, in ihrem Heimathafen oder als amerikanische Firmen hier in Deutschland Gas zu geben. Wir ermöglichen dadurch auch Investitionen, die im Anschluss getätigt werden. Das gilt nicht nur für unsere Fachmesse, sondern zum Beispiel auch für den OMR Podcast. Es gibt zig Beispiele von Menschen, die uns in den sozialen Netzwerken schreiben und sagen: „Ohne den Podcast hätte ich nicht gegründet. Du und die Geschichten haben mich inspiriert.“ Wir haben da also eine mittelbare Wirkung, die wir gewissermaßen auch haben müssen, da uns Kunden dafür bezahlen und unsere Zuhörer auch deswegen einschalten.

Das OMR Festival sei wie eine Kirmes, hört man Dich öfter sagen. Jetzt hast Du es sehr viel bewusster und strategischer beschrieben. Siehst Du es als Plattform für Begegnung von Unternehmertum, von Digital Marketing und von Politik?

Ich glaube, man kann gar keine moderne Software- oder Marketingmesse machen, ohne dass diese Schnittstellen miteinander verknüpft werden. Wir werden oft gefragt, was die eingeladenen Personen mit Marketing zu tun hätten. Ryan Reynolds zum Beispiel. Aber er ist eine Marketingperson mit allem, was er tut. Diese Frage stellt sich aus unserer Perspektive gar nicht. Die Entwicklungen haben außerdem gezeigt, dass Softwarefirmen die Nähe zur Politik brauchen. Sie sind bei vielen geostrategischen Themen gefragt und beteiligt. Das wussten wir schon vor Jahren, jetzt sieht man es aber im Großen: Die Weltpolitik entscheiden nicht nur Trump, Merz und von der Leyen, sondern auf einmal auch der Chef von Microsoft.

Angesichts der aktuellen Diskussionen um den Wirtschaftsstandort Deutschland und die Notwendigkeit von Innovation und Investitionen: Siehst Du das OMR Festival und seine Plattform in der Verantwortung, hier einen Beitrag zu leisten?

Ja, zunehmend ist das so. Ich fände es schade, mit 60 rückblickend sagen zu müssen, dass ich gar keine Botschaft gesendet habe. Ich denke nicht, dass es unsere Aufgabe ist, viele davon zu senden, aber man kann sich dennoch sinnvoll positionieren, auch wenn es nur hintergründig und niedrigschwellig gemacht wird. Ein Beispiel ist das Nachhaltigkeitsthema. Wir sind eine Großveranstaltung, das ist per se nicht nachhaltig. Aber wir haben darüber nachgedacht, wie man das Festival progressiver machen und weiterentwickeln kann. Nach mehreren Pilotprojekten konnten wir unseren 70.000 Besuchenden in diesem Jahr erstmals flächendeckend Mehrweggeschirr auf dem gesamten Messegelände anbieten.    

Oder auch die Stärkung von Demokratie. Es wäre komisch, das nicht zu tun, aber es muss nicht laut geschehen. Da haben wir in den letzten Jahren den für uns richtigen Umgang mit gefunden. Wenn Du uns jetzt nach unserem Beitrag zur Innovation fragst, das ist bei uns im Konzept integriert, es wäre eine große Aufgabe, die Verantwortung bei uns zu sehen, aber wir würden gerne etwas beitragen.

OMR ist im deutschsprachigen Raum eine feste Größe. Hast Du eine Vision, die über das hinausgeht, wo Du jetzt bist?

Die Frage nach der Internationalisierung kommt immer wieder auf. Was wir hier in Deutschland und im deutschsprachigen Raum aufgebaut haben, hat eine gewisse Kraft. Ganz groß gedacht schaue ich mir Davos als Inspiration an, wo auch mal klein angefangen wurde. Seit ein, zwei Jahren gucken wir uns an, wie Prozesse dort umgesetzt werden, beispielsweise die Funktionsweise des Ticketing, wie Gespräche ausgemacht und Inhalte kuratiert werden. Ansonsten mache ich jetzt gemeinsam mit KKR ein Event, und das ist auch für mich eine große Ehre, dass ich jetzt auch einmal auf der Einladungskarte mit Philipp Freise und Henry Kravis stehe. Das zeigt mir, dass es weitergeht und wir nicht bei dem stehen bleiben, was wir gerade machen. Das ist für mich auch immer schon das Wesen von OMR gewesen. Ich habe es als Hobby angefangen, habe nie große Pläne gemacht und bis heute schauen wir, was sich ergibt und womit wir uns wohlfühlen.

Blicken wir auf Hamburg, die Heimat für OMR. Was ist so besonders an der Stadt? Oder könnte das genauso in Berlin oder Düsseldorf stattfinden?      

Wir sind hier groß geworden. Hamburg hat uns diesen Aufstieg ermöglicht. Was häufig unterschätzt wird: Es gibt Städte, die sind für solche Events zu groß. Was man in Berlin an der Messe macht, das interessiert in Kreuzberg überhaupt niemanden. Oder auch in New York, wenn man was an der Upper West Side oder der Wall Street macht, dann ist man ein Ding von vielen. Es sei denn, man ist Olympia und überrollt für zwei Wochen die ganze Stadt. Das letzte Mal hatte ich das in L.A. beim Superbowl, da hat man an verschiedenen Orten in der Stadt mitbekommen, dass das Event stattfindet. Sonst fallen mir da wenige Events ein, bei denen Weltstädte komplett eingenommen werden. Sie sind schnell zu groß. Deswegen sind Mittelstädte gut dafür, da dort viele wahrscheinlich Interesse haben mitzumachen und feststellen, dass da auch was für sie als Hotelbetreiber oder Flughafen drin sein kann. So gelingt es, eine Stadt mitzunehmen, wenn es für alle irgendwie sinnvoll ist. Gleichzeitig ist die Stadt aber auch groß genug, dass es genügend Hotelbetten gibt oder zumindest genügend Restaurants und Messehallen. Das Konzept würde in Husum nicht funktionieren. Aber klar, es wäre cool, wenn es einen Direktflug nach New York geben würde.

In der Vergangenheit habt Ihr zunehmend Politik angezogen: Was war zuerst da, das Interesse dieser Menschen oder Euer Bemühen darum, sie dort hinzubekommen?

Wir haben uns darum bemüht. Vor zehn Jahren hat sich niemand für uns interessiert, das war auch okay so. Mittlerweile ist es insgesamt einfacher geworden auch mit Blick auf die Spitzenpolitik, weil wir eine größere Menge an potenziellen Wählern und Entscheidungsträgern vor Ort haben und eine Rampe für Botschaften geworden sind. Gerade dadurch, dass viele unserer Besucher auch sehr stark als Multiplikatoren auftreten. Es gibt wahrscheinlich kein Event, auf dem mehr Influencer rumlaufen.

Angesichts der Bedeutung von Reichweite im Wahlkampf, insbesondere durch soziale Medien: Welchen Rat würdest Du Parteien der Mitte geben, um ihre digitale Kommunikation zu optimieren und im Wahlkampf erfolgreich zu sein?

Ich fühle mich mit Empfehlungen ohne tieferes Verständnis gerade so einer komplexen Herausforderung nicht wohl. Daher lieber eine Anekdote: Ich hatte mal einen lustigen Moment mit Robert Habeck, als er lange vor seiner Zeit im Wirtschaftsministerium zu Gast in meinem Podcast war. Wir sind gemeinsam mit dem Taxi von einem Event zum Hauptbahnhof in Kiel gefahren. Damals war ich ja noch stärker der Online-Marketing-Typ. Und er der aufstrebende Grünenpolitiker. Im Gespräch hat er mich gefragt, ob er denn jetzt noch mehr bei Instagram machen sollte. Ich habe gesagt: auf jeden Fall. Das ist jetzt ein paar Jahre her und zu diesem Zeitpunkt dachte ich mir schon: Krass, dass es diese Frage noch gibt. Es war ja schon immer so, dass Wahlen mit Reichweite entschieden werden. Die Frage ist nur, wo die Reichweite herkommt. Soziale Medien sind ein massiver Hebel, um Politik wirksam zu machen.

Blicken wir nach Europa. Hinsichtlich schwindender Identifikation und der geopolitischen Notwendigkeit: Wie kann Europa als „Marke“ durch gezieltes Marketing wieder emotional aufgeladen und in den Herzen der Menschen verankert werden?

Ich glaube schon, dass man da was machen kann. Aber in Europa ist vieles eine Frage der Koordination. Und die ist teilweise sehr unübersichtlich, zumindest für mich. Da kann man nicht so gut mit klassischen Werbekampagnen arbeiten. Man muss versuchen, Bilder zu generieren, die dann dazu führen, dass alle mitgenommen und aktiviert werden. Nur so werden Emotionen generiert. Wir leben in einer visuellen Welt und haben nicht viel Zeit, Dinge zu erzählen. Die Fußball-Europameisterschaft der Herren hat das im letzten Jahr ganz gut geschafft. Fußball tut sowieso eine Menge für Europa, ohne dass man das bewusst vorantreibt. Der Vorteil an Europa ist, dass es eigentlich eine Menge an ikonischen Bildern gibt.

Wenn Du nun auf die vergangenen zehn Jahre deines Podcasts blickst, merkst Du, dass sich die Zeiten verändert haben? Auch mit Blick auf die Diskurs- und Gesprächskultur.

Fairerweise muss man sagen, dass sie sich vor allem für mich total geändert hat. Ich habe angefangen mit Online-Marketing-Experten und nun spreche ich mit Aufsichtsratschefs, Milliardären, Gründern oder Popstars. Das ist ein sehr weiter Weg und war eine enorme Reise, die mein Leben sehr verändert hat. Darüber hinaus ist es im Podcast weitestgehend gleich geblieben. Grundsätzlich sehe ich im Online-Diskurs aber, dass Menschen viel mehr miteinander streiten und dies zu ihrem Online-Erfolg beiträgt. Das Wettbewerbsumfeld verändert sich und es gibt Podcasts, die nur auf Konfrontation und zugespitzten Thesen als Überschriften basieren, damit daraus dann ein YouTube-Thumbnail gebastelt werden kann und Klicks gezogen werden.

Du führst viele Gespräche mit unterschiedlichen Menschen. Wie ist Deiner Einschätzung nach und auf Basis dieser Gespräche die Stimmung im Land?

Die Stimmung erscheint mir gar nicht so schlecht. Es gab Zeiten, da dachte ich, in Deutschland geht nichts mehr voran. Niemand wollte investieren, wir standen uns selbst im Weg und schienen chancenlos gegen Länder wie China, Russland und den USA. Demokratie und Rechtssicherheit wurden und werden hinterfragt. Doch das Blatt wendet sich gerade etwas, auch aufgrund der Investitionen, die angekündigt sind, und auch dank der Amerikaner, die hier doch wieder zahlreich investieren. Der Tiefpunkt scheint überschritten. Für einen echten Aufbruch oder eine Renaissance fehlt aber noch etwas, vielleicht ein erstes Jahr mit spürbarem Wachstum, das würde helfen.     

Im Gespräch mit Christoph Gottschalk

Philipp Westermeyer gründete 2009 OMR, eine der führenden Plattformen für digitales Marketing. Er ist zudem Mitglied des Aufsichtsrates bei CTS EVENTIM. Bevor er sich 2015 ausschließlich der Marke OMR widmete, war Westermeyer bereits als Gründer aktiv, u. a. von Metrigo (verkauft an Zalando) und adyard (verkauft an Outbrain). Sein Buch „Digital Unplugged” landete auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Er studierte BWL und Medienwissenschaften in Dortmund, Paris, Québec und Hamburg.

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