Jakob Springfeld, geboren und aufgewachsen in Zwickau, ist Autor und Aktivist. Seine ostdeutsche Herkunft prägt seine Perspektive auf politische Herausforderungen, insbesondere den Umgang mit Rechtsextremismus. Im Interview spricht er über seine persönliche Entwicklung, die Normalisierung rechter Ideologien, die spezifischen Probleme im Osten Deutschlands, aber auch über die Rolle der Zivilgesellschaft und die Bedeutung von Dialog. Themen, die vor dem Hintergrund der ostdeutschen Landtagswahlen im nächsten Jahr in den Fokus rücken.

Sie sind in Zwickau geboren und aufgewachsen. Wie war das und wie hat Ihre Herkunft Ihr Verständnis von gesellschaftlichem Wandel und politischen Herausforderungen geprägt?

Meine Jugend in Zwickau verbinde ich nur mit schönen Sachen: gemeinsam Fußball zocken, im Jugendzentrum-Orchester Trompete spielen, mit meinen Eltern in die Kirche gehen – sie sind beide sehr evangelisch sozialisiert. Ein einschneidendes Ereignis aber war, als mein Papa 2015/2016 in der Arbeit mit Geflüchteten aktiv wurde. Dadurch lernte ich Mostafa kennen und seine Erfahrungen mit Rassismus in Zwickau veränderten meinen Blick auf die Stadt, den Osten und Westen stark. Ich dachte: Obwohl ich im Osten aufgewachsen bin, bin ich privilegiert und konnte Rechtsextremismus relativ leicht ausblenden, was viele andere nicht können. Daraus entstand ein Verantwortungsgefühl, mich einzubringen, auch weil meine Eltern in der DDR aufgewachsen sind und mir mitgegeben haben, Freiheitsrechte zu nutzen.

Sie sagten, dass Sie Rechtsextremismus ausblenden konnten. Wie haben Sie das in Ihrer Schulzeit konkret wahrgenommen – oder eben nicht?

Selbst heute noch fehlt Problemschulen oft ein Verständnis für Diskriminierung, wenn dort wenige Menschen mit Migrationsgeschichte sind. In den letzten fünf Jahren ist viel gekippt. Eine frühe Erinnerung ist eine NPD-Demo vor unserer Schule – der Klassenlehrer machte einfach das Fenster zu, ohne weiter darüber zu sprechen. Ich habe auch mal selbst den Hitlergruß gezeigt, weil ich provozieren wollte und es nicht verstand. Eine Lehrerin griff damals ein. Das zeigte mir: Wäre ich in einem anderen Freundeskreis aufgewachsen, hätte es auch bei mir anders laufen können. Diese Normalisierung ist an meinem Gymnasium krass fortgeschritten. Wir hatten mit Fridays for Future kurzzeitig als Jugend die Diskurshoheit, selbst in einem Ort wie Zwickau, wo der NSU (Nationalsozialistischer Untergrund, Anm.d.Red.) untergetaucht war. Aber das hat sich schnell wieder geändert.

Wie hat sich diese Normalisierung für Sie konkret gezeigt?

Ich war kürzlich an einer Schule in Sachsen-Anhalt, an der bei der U18-Wahl 80 Prozent die AfD gewählt haben. Da fällt es schwer zu appellieren: „Ihr müsst Zivilcourage zeigen“, wenn Schüler sagen: „Ich weiß nicht, mit wem.“ Ein Gedenkbaum für Enver Şimşek, das erste Mordopfer des NSU, ist den Menschen in Zwickau erst aufgefallen, als mutmaßlich Neonazis ihn absägten. Das zeigt die Aufmerksamkeitsökonomie, die sich stark auf das fokussiert, was Rechte machen, anstatt Gegenerzählungen zu stärken.

Was sind für Sie die Ursachen für eine Verschärfung des Rechtsextremismus?

Ein Puzzleteil ist Social Media und die dortige Unterrepräsentanz demokratischer Akteure. Im ländlichen Raum führen schlechte Anbindung, Mittelkürzungen bei sozialen Zentren und schwindende Demokratieprojekte dazu, dass junge Leute mehr Zeit online verbringen und dort mit rechten Inhalten konfrontiert sind. Ich habe aber auch das Gefühl, es ist gerade einfach trendy und cool, rechts zu sein. Wir haben uns in zivilgesellschaftlichen Initiativen außerdem manchmal zu sehr verkopft. Wenn du jung bist und Gemeinschaft suchst, gehst du vielleicht eher ins rechtsextreme Kampfsportstudio, holst dir ein Moped und fährst gemeinsam mit anderen Rechten durch die Landschaft und bist ganz schnell jemand.

Die genannten Ursachen gelten oft auch für Gesamtdeutschland. Gibt es spezifische Aspekte, die das stärkere Problem im Osten erklären?

Der Westen folgt dem Osten oft zeitverzögert. Die Wahlergebnisse, die vor Jahren im Osten für Empörung gesorgt haben, hat die AfD mittlerweile auch im Westen. Wobei man in Sachsen mittlerweile bei knapp 40 Prozent steht. Mein Papa war nach der Wende arbeitslos, fand dann einen Job bei VW, wo jetzt wieder Stellenkürzungen debattiert werden. Das sorgt bei einigen Menschen, die schon eine Transformation erlebt haben, dafür, dass ihr Trauma wiedererweckt und von Rechten gut bedient wird. Einige Ursachen liegen auch in der DDR-Zeit, wo das Thematisieren von Rassismus nicht in das universal antifaschistische Selbstverständnis des Staates passte. Wichtig ist aber auch: Man darf die Zivilgesellschaft im Osten nicht kleinreden. Ich frage mich oft, wo wir ohne die Zivilgesellschaft stünden, die es auch im Osten gab und gibt. Sie hat vielleicht Schlimmeres verhindert und zeigt, dass es auch im Osten Strukturen gibt, auf die man aufbauen kann. Meine Generation wurde stark durch Vorfälle vor Ort politisiert, Stichwort: abgesägter Gedenkbaum. Das passiert im Westen vielleicht nicht in der Form und führt dort nicht zu so früher Politisierung, ob jetzt in die eine oder andere Richtung.

Wie kann man verhindern, dass rechtsextreme Ideologien weiter Fuß fassen, gerade vor dem Hintergrund der Herausforderungen im Osten?

Man darf ostdeutsche Themen nicht kleinreden. Ungleichheiten in Lohn- oder Erbfragen müssen besprochen und behoben werden, sind aber keine Rechtfertigung für Antidemokratie. Es braucht vielleicht neue Bündnisse, etwa zwischen Arbeitenden vom VW-Werk Zwickau und Leuten im Ruhrpott, die ähnliche Strukturwandel-Erfahrungen machen. Es geht darum, soziale Belange gesamtdeutsch zu adressieren und im Dialog zu bleiben. Dabei schließt das eine das andere nicht aus: Man kann auch mal Wut darüber äußern, dass alle über den blauen Osten schimpfen, ohne verstehen zu wollen, was die Ursachen sind. Das ist aber kein Hindernis für Dialog. Für die Zivilgesellschaft konkret: Es gibt nicht nur ein Ost-West-, sondern auch ein Stadt-Land-Gefälle. Unser Versuch in Sachsen ist die „Solidarische Vernetzung“, die Initiativen in kleinen Orten mit denen in großen Städten zusammenbringt, eine Art strukturelles Buddy-System. Es braucht langfristigen Austausch und Zusammenarbeit, nicht nur kurzfristige Mobilisierung zu rechten Aufmärschen, nach denen die Menschen vor Ort wieder allein sind.

Wie können junge Menschen ermutigt werden, aktiv zu werden und sich gegen rechte Ideologien zu stellen?

Man sollte sich nicht nur an den extremen Rechten abarbeiten. An Schulen, wo bei der U18-Wahl vielleicht 20 Prozent AfD wählen, ist oft der Anspruch, diese Kinder in 90 Minuten zu „bekehren“. Besser ist es, mit den willigen Menschen darüber zu sprechen, wie Lösungen aussehen könnten. Wenn nach einer Lesung eine Antidiskriminierungs-AG gegründet wird und die demokratischen Kids sichtbarer werden, ist viel getan. Oft trauen sich Schüler nicht, Probleme offen anzusprechen. Mitbestimmung im Schulalltag ist wichtig, um junge Leute zu ermutigen sich einzubringen. Es braucht aber auch andere Räume, in denen man mal rebellieren und unbequem sein kann – diese bieten oft nur Rechte. Es fehlt vielleicht an einer Art unbequemer Gegenkultur, wie es früher Punks waren, auch wenn das sehr szenemäßig war. Es fehlt etwas Adäquates für junge Menschen, um Frust zu äußern.

Wie realistisch ist es, eine progressive Jugendkultur zu etablieren, die den Rechten etwas entgegensetzen könnte?

Die Realität zeigt, dass das schwierig ist. Im ländlichen Raum gibt es das vielleicht vereinzelt, aber nicht in der Qualität wie bei Rechtsextremen. CSDs (Christopher Street Days, Anm. d. Red.) werden zwar stärker, was eine krasse Entwicklung ist. Aber dieses niedrigschwellige „Wir gründen einen Active Club“ mit sofortiger Unterstützung von älteren Neonazis hat eine andere Qualität als eine ernstzunehmende linke Gegenkultur im ländlichen Raum. Progressive junge Leute flüchten oft schnell in größere Orte.

Im Titel Ihres neuesten Buches spielen sie darauf an, dass der Westen „keine Ahnung“ hat, was im Osten passiert. Können Sie ein Beispiel nennen, wo westdeutsche Perspektiven den Osten missverstehen oder ignorieren?

Es gibt nach wie vor eine sehr pauschale Betrachtungsweise des Ostens. Es ist eine schwierige Gratwanderung: Einerseits dürfen wir nicht kleinreden, was im Osten passiert, andererseits haben junge, demokratisch aktive Menschen im Osten oft das Gefühl, nur dann berichtenswert zu sein, wenn sie als Beispiel für Anfeindungen dienen. Ich wünsche mir, dass unsere Stimmen stärker gehört werden. Wenn der Westen verstehen würde, wie groß die Demokratiebedrohung im Osten ist, würde er erkennen, dass es auch ein Problem für Westdeutsche wird. Ein Beispiel: Ich erzähle in München über den NSU, und danach sagt jemand, man lebe hier in einer heilen demokratischen Blase – dabei hat der NSU zwei Morde in München verübt. Das sind zweierlei Maß. Spannend ist auch, dass auf meinen Buchtitel Ostdeutsche oft kritischer reagieren als Westdeutsche, die häufig zustimmten. Gleichzeitig kotzt es mich an, wenn sich Ossis über den Begriff ‚Dunkeldeutschland‘ echauffieren, aber nie mit einer Silbe über Neonazis im Osten. Das ist für mich Doppelmoral. Ich erlebe im Osten oft zwei Typen: Die einen sprechen nur über die tollen Initiativen und wischen weg, was katastrophal aussieht. Die anderen sind komplett zynisch und reden nur darüber, wie überall Brandmauern brechen. Das immer wieder auszutarieren, ist mein Anspruch.

Haben Sie persönlich schon rechtsextreme Anfeindungen oder Bedrohungen erlebt? Wie gehen Sie damit um?

Ich versuche eher zu verstehen, woher das kommt, manchmal auch mit einer Art Mitleid, weil ich weiß, es ist Glück, dass ich nicht so geworden bin. Schlimm ist es, wenn meine Familie in Zwickau bedroht wird, weil Neonazis wissen, wo sie wohnt. Ich kann mich nach Leipzig zurückziehen; andere, die queer oder von Rassismus betroffen sind und in Zwickau leben, können das nicht. Das macht mich demütig. Trotzdem gibt es auch schöne Erlebnisse: Bei Lesungen erzählen Menschen von ihrer Angst, aber am Ende des Abends haben alle weniger Angst, weil sie merken, dass die Angst nicht nur auf den eigenen Schultern lastet. Es ist erstaunlich, wie aus einem total beschissenen Gefühl trotzdem so etwas wie Stärke wachsen kann. Die Nazis haben erst gewonnen, wenn die Angst dafür sorgt, dass niemand mehr aktiv wird. Und das ist glücklicherweise an vielen Orten noch nicht passiert.

In Ihren Büchern und Ihrer Arbeit geht es auch darum, Brücken zu bauen: zwischen Ost und West, zwischen Generationen, zwischen politischen Lagern. Haben Sie persönliche Momente erlebt, in denen dieser Dialog gelungen ist?

Ich finde den Dialog mit allen demokratischen Kräften wichtig, auch wenn es manchmal schwerfällt, etwa wenn CDU und AfD gemeinsam im Bundestag abstimmen. Im ländlichen Raum ist man aber auf jede stabile demokratische Person angewiesen, auch wenn sie CDU-Mitglied ist. Man kann auch Verbündete zu unterschiedlichen Anlässen unterschiedlich aussuchen. Ein Beispiel, wo es funktioniert hat, war eine Lesung bei der Bundeswehr in Koblenz. Die stellvertretende Luftwaffen- chefin meinte, ich als Antifaschist verteidige die Demokratie innenpolitisch und sie außenpolitisch. Das hat mir gezeigt, dass es sich lohnt, ins Gespräch zu gehen. Ähnlich war es beim Friedensgebet im Zwickauer Dom, von der Kirche organisiert, bevor viele zur Demo gegen Höcke gingen. Es geht darum, zu versuchen, sich in Grundfragen zu einigen.

Welche Rolle spielt Europa für Sie persönlich und was kann Europa aus den deutschen Erfahrungen im Umgang mit Rechtsextremismus lernen, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Die neue Rechte ist international sehr viel besser vernetzt als demokratische und linke Kräfte. Das ist ein massives Problem. Deshalb sollte man den krassen Widerspruch zwischen Nationalstaatlichkeit und Europa auch von linker Seite stärker gesellschaftlich aufgreifen und eine positive Erzählung entwickeln. Man muss konkret überlegen, was das für die Menschen im ländlichen Raum bringen könnte, wenn wir uns wieder stärker als Europäer verstehen. Die Rechten haben eine sehr glaubhafte Erzählung, die in Krisenzeiten verfängt, dass es euch wieder gut geht, wenn alles so wird, wie es mal war. Für mich persönlich ist das Europäische der größere Teil meiner Identität. Das kam bei mir erst mit dem Aktivismus und dem Rauskommen aus Ostdeutschland.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft Deutschlands, gerade vor dem Hintergrund von Rechtsextremismus und der Frage nach sozialer Gerechtigkeit?

Man muss die Probleme ansprechen, die wirklich hinter der rechten Rhetorik stecken. Die CDU rückt meiner Ansicht nach nicht mehr nur aus Taktik nach rechts, sondern es gibt größere ideologische Überschneidungen mit der AfD. Wir müssen aus diesem Hamsterrad des Reagierens ausbrechen und über Ungleichheiten, Klimakrise, ÖPNV sprechen. Und ich wünsche mir, dass Institutionen und Lehrkräfte verstehen, dass man nicht politisch neutral sein kann, wenn eine Partei menschenverachtend vorgeht.

Im Gespräch mit Torben Sabasch und Anne Straube-Rülke

Jakob Springfeld, bekannt durch sein Engagement bei „Fridays for Future“, gilt als eine der prägnanten jungen Stimmen aus Ostdeutschland. Aufgewachsen in Zwickau, prägt seine Herkunft seine Arbeit als Aktivist und Autor maßgeblich. In diesem Jahr ist sein Buch „Der Westen hat keine Ahnung, was im Osten passiert“ erschienen.

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