Von Florian Teipel

Keine Spiegel-Lektüre, kein Berlin direkt, keine FAS, keine BAMS, kein Bericht aus Berlin. Ich wollte nichts dergleichen im Vorfeld gelesen oder angeschaut haben. Ich wollte unvorbelastet ins TV-Duell gehen. Mein Kollege Daniel Wixforth hatte in der vergangenen Woche drei Methoden beschrieben, wie Martin Schulz gegen Angela Merkel das große TV-Duell gewinnen könnte. Drei Thesen – von Gerhard Schröder, Ulli Köppe und Olli Kahn gewinnen lernen. Würde Schulz sie anwenden?

Meine Unvoreingenommenheit dauerte bis Sonntag, 12:49 Uhr. Die SPD twittert: „Dienstleister ist heute Nacht bei Google peinlicher Fehler unterlaufen. Nicht unser Stil. Verwirrung bitten wir zu entschuldigen.“ Da war das Duell – für mich – eigentlich schon entschieden. Wer bei Google zu dem Zeitpunkt nach Martin Schulz suchte, der konnte schon lesen, dass Schulz das Duell bereits gewonnen habe. Und zwar „deutlich“.

Peinlich. Wohl wahr. Und die Agentur ist schuld, wer sonst.

20:13 Uhr. Die Tagesschau zeigt Bilder aus Adlershof. JU’ler halten Plakate hoch. „Möge die Bessere gewinnen!“ Anderthalb Stunden später steht genau das fest. Bei den Zuschauern hat Merkel gewonnen. Es war ein Sieg für die Große Koalition – und die kleinen Parteien. Aber der Reihe nach:

Die erste halbe Stunde des Gesprächs gehört den Moderatoren. Es sollte um Flüchtlinge, Migration und Integration gehen. Das Framing an dem Abend ist klar, und es kommt von Claus Strunz. Wie wird man Flüchtlinge los? Strunz disqualifiziert sich nach seinem peinlichen Wahlabend auf Sat.1 am vergangenen Mittwoch abermals. Und Schulz hat es schwer, seine Punkte zu setzen. Selbst als er Merkel direkt auf Seehofer und Orbán anspricht (Wixforths Risikostufe II – Die Ulli Köppe Methode), bekommt er keine Unterstützung der Moderatoren. Keine Nachfrage.

21:01 Uhr. Schulz bedankt sich für eine Frage, es bleibt nicht das letzte Mal. In der Rhetorik-Schule ist das ein passender erster Satz auf eine Frage, zu der man erst einmal keine Antwort hat. Man kauft sich Zeit. Zeit, die an dem Abend kostbar ist. Denn vier Themenblöcke sind definitiv zu wenig für eine Diskussion über die Zukunft unseres Landes. Das wird die Kanzlerin noch sagen.

21:05 Uhr. Wir schauen uns verdutzt an. Will Schulz nun das Türkei-Abkommen sofort kündigen oder nicht? Anfangs ja, nun nein. Die Zuschauer meinen im Nachhinein, Merkel sei überzeugender gewesen. Kein Bauchgefühl.

21:09 Uhr. Wenn Schulz ins Reden kommt, dann erinnert er an Endlossätze der Angela Merkel aus dem Duell 2013. Beim Thema Europa – es hätte sein Heimspiel werden können – verhaspelt Schulz sich in schwurbelnden Sätzen – so, dass am Ende auch die vier Moderatoren nicht mehr folgen können. Daniel Wixforth hat anscheinend Risikostufe IV vergessen: die Angela-Merkel-Methode. Gerade beim Thema Internationale Politik wäre Schulz durch seine Europa-Vergangenheit glaubwürdig gewesen. Und doch holt Merkel dort ihre Überzeugungspunkte.

Die große Pressekonferenz

Das Schöne an dem Duell ist, dass man getrost auch mal in die Küche gehen kann, um etwas zu trinken zu holen. Im Stile einer Regierungspressekonferenz werden die Bälle und Komplimente hin und her gespielt.

21:11 Uhr Merkel dankt Schulz

21:12 Uhr Schulz dankt Merkel

21:13 Uhr Merkel nickt Schulz zu

Es wird gerade richtig langweilig. Und dann doch: oh – eine Kontroverse.

21:17 Uhr Martin Schulz fällt Angela Merkel ins Wort und will eine Nachfrage stellen. Es geht um die Rente. Und Angela Merkel zeigt kurz aber mit einer eindeutigen Handbewegung, dass man eine Kanzlerin nicht unterbricht. „Das können Sie gleich machen.“ Schulz’ Körperhaltung – auch das ist Kommunikation – erst angreifend, dann passiv.

Aber dann kommt es, die Risikostufe V wird gezündet: die Martin-Schulz-Methode.

21:18 Uhr „Find ich toll, Frau Merkel, à la bonne heure.“ Es geht um die Rente mit 67. Selbst wenn Schulz im Nachhinein versucht, mit dem Maut-Vergleich die Aussage der Kanzlerin zu relativieren. Er lobt sie. Vor gut 16 Millionen Menschen. Bravo Frau Merkel, gut gemacht. Festgenagelt auf diese Antwort wird Merkel übrigens von Claus Strunz. Dass er dabei Sandra Maischberger über den Mund fuhr, wird sie ihm bestimmt verzeihen.

Die Große Bewerbung für eine neue GroKo

Was folgt, ist eine die Fortführung des Pressegesprächs. Einigkeit hier, ein bisschen Streiten dort, aber ja nicht zu viel. Bis zum Ende.

Allein die Tatsache, dass zwischendurch so etwas wie eine Gesprächsatmosphäre aufkommt, ist im Vergleich zu den letzten Duellen positiv zu vermerken. Wenig war von kommunikativer Pathologie der Kanzlerin zu spüren, die Daniel Wixforth ihr im Vorfeld attestierte. Schulz hätte dennoch mehr Überraschungsmomente kreieren können, die auch auf sein Konto einzahlen. Die Risikostufen IV (Schulz redet wie Merkel) und V (Schulz lobt Merkel) bewiesen sich als Rohrkrepierer.

Was bleibt? Gewonnen haben am Sonntag die kleinen Parteien.

Die Chancen, klare Alternativen zu Schwarz-Rot aufzuzeigen und damit bei etwa 50 Prozent unentschlossenen Wählern zu punkten, waren wahrscheinlich nie so günstig.

Die beiden Kandidaten haben gezeigt, dass inhaltliche Debatten zwischen zwei sich nivellierenden Volksparteien schwer zu führen sind. Die wenigen Unterschiede sind kaum erkennbar und münden in einer Auseinandersetzung zur Musterfeststellungsklage. Ein Wort, das der „normale Wähler“, wie Hans Langguth sagen würde, wahrscheinlich noch nie gehört hat. Natürlich werden auch damit keine Konfliktlinien unserer Gesellschaft diskutiert. Sondern die Fragen, ob der Referentenentwurf von Heiko Maas zu bürokratisch ist und wer ihn anruft, um den Entwurf zu verbessern. Schulz ruft ihn heute an, versprochen.

Die Botschaft des Abends ist damit endgültig klar: Die GroKo kann weiterarbeiten.

Lag es am Format? Hört auf! Die Annahme der Fragestellung ist der erste Akt der Unterwerfung. Merkel hat sich bei der Ja/Nein-Fragerunde einfach über die Regeln hinweggesetzt. Schulz hat sein Schluss-Plädoyer deutlich überzogen. So eng war das Korsett nicht. Für die, die verlieren, sind am Ende sowieso die anderen schuld. Entweder der Dienstleister oder die äußeren Umstände.

Florian Teipel ist Associate bei 365 Sherpas.