Martin Schulz hat vor dem TV Duell am Sonntag quasi keine Chance mehr auf das Kanzleramt. Aber die sollte er nutzen.

Von Dr. Daniel Wixforth

 

Erinnert sich noch jemand an den 1. September 2013? Nein? Kleine Gedächtnishilfe: Es war der Abend, an dem das „Sie kennen mich“ – der vielleicht genialste politische Claim seit „Yes we can“ – geboren wurde. Es war auch der Abend, an dem so wunderbare Sätze gefallen sind wie dieser hier: „Wir werden sicher einen Weg finden, dass alle miteinander zufrieden sind.“ Es war der Abend, an dem Angela Merkel die 41,5% eingetütet hat.

Am Sonntag, fast genau vier Jahre später, könnte sich dieser Abend wiederholen. Unter anderen Vorzeichen, in einer etwas anderen Konstellation, das ja. Aber mit dem gleichen dramaturgischen Setting, demselben, irgendwie schicksalshaften Ausgang. Oder doch nicht?

Als Peer Steinbrück und Angela Merkel am 1. September 2013 im großen TV Duell gegeneinander antraten (ein Verb, das sich in diesem Zusammenhang eigentlich verbietet – dazu später mehr), lag hinter dem Herausforderer ein Wahlkampf, der schlecht begonnen hatte und sehr schlecht weitergegangen war. Von einer überstürzten und ungeplanten Kandidatenkür über die Diskussion um Vortragshonorare, Bundeskanzlergehälter, Pinot Grigio bis hin zu Tränen auf Parteitagen und italienischen Clowns hatte der Kanzlerkandidat in den Monaten vor dem TV Duell alles mitgenommen, was man im Wahlkampf besser nicht mitnehmen sollte (ok, fast alles – das mit dem Mittelfinger auf dem Cover des SZ Magazins kam etwas später).

So war das Duell von Beginn an ein ungleicher Kampf. Pannen-Peer gegen Moderat-Merkel, King of Kotelett gegen Deutschlandkette. Dabei konnte Steinbrück seine metaphorische Unterhaltsamkeit durchaus zur Schau stellen. So sei etwa jeglicher Steuererhöhungsvorwurf gegenüber der SPD nichts als „eine Geisterbahn, in die uns unsere politischen Kontrahenten hineinführen wollen“. Den Griechen hingegen würde Merkel immer „die Konsolidierungskeule über den Kopf ziehen“ und sie damit „aufs Krankenlager nageln“. Und beim Thema NSA könne man es Herrn Pofalla wirklich nicht durchgehen lassen, sich „auf die Apfelsinenkiste des Marktplatzes zu stellen und die Affäre für beendet zu erklären“.

Und Merkel? „Wir werden sicher einen Weg finden, dass alle miteinander zufrieden sind.“

In der Kommunikationswissenschaft nennt man so etwas eine kommunikative Pathologie. Kommunikation kann nur dann gelingen, wenn Sender und Empfänger fähig und willens sind, sich auf einer gewissen Interaktionsebene zu treffen, wenn sie also ein Interesse an einem wirklichen Austausch von Botschaften haben. Fehlt dieses Interesse bei mindestens einem Kommunikationspartner, gibt es nur den Anschein einer Unterhaltung. Kommunikation wird dysfunktional, zur Pathologie. Und Angela Merkel ist eine wahre Meisterin im Erzeugen kommunikativer Pathologien. Besonders im Wahlkampf.

Womit wir beim Wahljahr 2017, bei Martin Schulz und dem am Sonntag anstehenden TV Duell wären, das Merkel in den Formatverhandlungen mit den Sendern erfolgreich konventionalisiert hat – bloß keine Experimente! Anders als Steinbrück geht Schulz nicht mit dem schweren Rucksack leidlicher Debatten zu seiner Person ins Duell. Dafür gilt für seinen Wahlkampf das, was Heribert Prantl so wunderbar mit einem Songtitel von Klaus Lage auf den Punkt gebracht hat: „Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert.“ Seit Monaten versucht der Kandidat ein Thema zu finden, mit dem er die Kanzlerin herausfordern, ja angreifen kann. Das Problem: Merkel, die kommunikative Pathologin, lässt sich nicht angreifen. Je schwerer die Attacken, desto leichter entschwebt sie. Es ist wie der Versuch, eine Fliege zu fangen. Zum Verzweifeln. Auf ihren Wahlkampfkundgebungen nimmt sie den Namen Schulz noch nicht einmal in den Mund – und der konstant große Vorsprung in den Umfragen gibt ihr auch noch Recht. Merkel hat ein #fedidwgugl-Schutzschild um sich gespannt. Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben – in dem wir aber auf keinen Fall streiten wollen. Oder anders: „Wir werden sicher einen Weg finden, dass alle miteinander zufrieden sind.“

Was also kann Schulz, der rhetorisch ebenso wie Steinbrück deutlich begabter ist als die Kanzlerin, am Sonntagabend machen? Attacke? Schwarzmalen? Sprachbilder erfinden? All das würde Merkel nur einladen, den pathologischen Reißaus zu machen. Man kann sich richtig vorstellen, mit welcher Freude das im Kanzleramt (Pardon, im Konrad-Adenauer-Haus!) schon vorbereitet wird: Greift er uns an, ignorieren wir ihn mit Harmonie. Redet er das Land schlecht, sagen wir #fedidwgugl. Kontert er uns sprachlich aus, setzen wir auf den schönen Schein der Einfachheit. Nur zu echter Kommunikation wird es dabei nie kommen!

Nein, in all diese Fallen ist schon Peer Steinbrück getappt, trotz seiner Schlagfertigkeit. Martin Schulz wird sich etwas Anderes überlegen müssen, um der Kanzlerin in 90 Minuten gefährlich werden und die Zuschauer positiv überraschen zu können. Das wird nicht einfach, aber es ist eben auch nicht unmöglich. Drei, nach Risiko und Überraschungseffekt abgestufte Skizzen, wie es gehen könnte:

Risikostufe I: Die Gerhard Schröder-Methode

„Wir wollen nicht alles anders, aber vieles besser machen“, war das Motto, mit dem Gerhard Schröder 1998 Helmut Kohl abgelöst hat. Nun ist die Lage von 1998 schon deshalb nicht mit der von heute zu vergleichen, weil es damals eine spürbare Wechselstimmung im Land gab. Und dennoch kann dieser Satz auch heute noch ziehen – gerade in einer zugespitzten Situation wie einem TV Duell. Wenn man konstatiert, dass die Erfolge einer Regierung eher mit der Regierungschefin als mit dem kleineren Koalitionspartner nach Hause gehen, dann besteht für diesen Partner immer die Gefahr, sich im Wahlkampf künstlich von den eigenen Regierungsleistungen absetzen zu müssen, um sich so von der Kanzlerin abzusetzen. Auch Martin Schulz ist dieser Gefahr schon erlegen. Statt etwa beim Flüchtlingsthema die Leistungen der Menschen in diesem Land und auch die Leistungen der Administration offensiv zu verteidigen und dabei den Beitrag der SPD herauszustellen, hat Schulz in den letzten Wochen Schlagzeilen allein mit harter Kritik an der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin gemacht. Das war politisch ebenso unglaubwürdig wie kommunikativ unklug. Und, noch schlimmer: Fundamentalkritik lässt einen potenziellen Regierungswechsel konsequenzenreicher erscheinen als er in Wahrheit wäre. Gleiches trifft auch auf die überharte Kritik an Merkels kommunikativem Stil („Anschlag auf die Demokratie“) zu. In beiden Fällen gilt: Wenn es keine Wechselstimmung gibt, dann schreckt die Vorstellung von harten Brüchen die Menschen ab – wenn überhaupt wollen sie homöopathische Veränderungen.

Warum also nicht im TV Duell den Spieß einmal umdrehen, die Merkel-Methode kopieren und das Verbindende betonen. Die Botschaft:

Niemand will dieses Land fundamental anders regieren als in den letzten vier Jahren. Ein Kanzler Martin Schulz würde bei den großen Fragen (Flüchtlinge, innere Sicherheit, Trump, Erdogan etc.) für Kontinuität stehen und die Politik der letzten Bundesregierung vielmehr in entscheidenden Details fortentwickeln.

Diese Geschichte wäre überraschend – und zugleich überzeugend, weil sich die eigenen Erfolge in der zurückliegenden GroKo besser in sie integrieren ließen („nicht alles anders machen“) und man zudem darauf verweisen könnte, unter einem SPD-Kanzler weniger Rücksicht auf die Querschießer aus Bayern nehmen zu müssen als unter einer Unions-Kanzlerin („vieles besser machen“).

Risikostufe II: Die Ulli Köppe-Methode

„Und deshalb möchte ich gerne die Diskussion mehr in die Situation führen, dass es eher in Richtung einer Gewissensentscheidung ist, als dass ich jetzt hier per Mehrheitsentscheid irgendwas durchpauke.“ So antwortet Angela Merkel, wenn sie eine Frage in Bedrängnis bringt. In diesem Fall die mittlerweile berühmt gewordene Frage nach der Ehe für alle, gestellt auf einer Veranstaltung der Zeitschrift Brigitte vom Zuschauer Ulli Köppe. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Das Muster dahinter lässt sich auch auf ein TV Duell übertragen – und sogar zuspitzen: Verhindere Kommunikationspathologien, indem du selber Fragen stellst. Überraschende Fragen, um deren Beantwortung die Kanzlerin in einer Live-Situation nicht herumkommt. Am besten solche, die man klar mit Ja oder Nein beantworten kann.

Peer Steinbrück hatte im letzten Duell einen solchen Glanzmoment (ab 20,30). Nachdem sich Merkel um die Beantwortung der Moderatorenfrage nach Horst Seehofers PKW-Maut herumgedrückt hatte (Sie ahnen es: „Wir werden sicher einen Weg finden, dass alle miteinander zufrieden sind“), setzte Steinbrück nach: „Ich würde schon bei dieser Sendung ganz gerne wissen, wie das mit der PKW-Maut für Inländer funktionieren soll, Frau Merkel.“ Direkte Ansprache, Augenkontakt. Und Merkel: „Mit mir wird es keine PKW-Maut geben“. Wow! Das war Kommunikation! Ein klares Versprechen an die Bürgerinnen und Bürger – dessen Bruch Merkel von der Konkurrenz nachher viel zu selten vorgehalten wurde.

Für Martin Schulz würden einem direkt eine Reihe solcher Fragen einfallen:

Werden Sie, Frau Merkel, sich von Horst Seehofer eine Obergrenze für Flüchtlinge in den nächsten Koalitionsvertrag diktieren lassen? Ja oder nein?

Werden Sie, Frau Merkel, die von Frau Wanka in Aussicht gestellten und von Herrn Schäuble dann wieder kassierten 5 Milliarden Euro für die Digitalisierung unserer Schulen investieren? Ja oder nein?

Werden Sie, Frau Merkel, die Maßnahmen gegenüber Herrn Erdogan bei weiteren Provokationen aus Ankara weiter verschärfen – auch auf die Gefahr hin, dass Erdogan den Flüchtlingsdeal platzen lässt? Ja oder nein?

Klare Fragen, direkte Ansprache, Augenkontakt. Schon wäre es vorbei mit den Pathologien. Und schon wären Schlagzeilen produziert, die Merkel in den letzten drei Wahlkampfwochen unter Druck setzen würden.

Risikostufe III: Die Oliver Kahn-Methode    

Es war Stefan Raabs stärkster Moment als Moderator im TV Duell 2013, als er Peer Steinbrück mit Oliver Kahn verglich (ab 1.21,00): „Nehmen wir an, ich wünsche mir eine starke SPD mit einem starken Peer Steinbrück als Vizekanzler und Finanzminister in einer großen Koalition. Was muss ich da wählen?“ Steinbrück lavierte und Raab ging noch einen Schritt weiter: „Das ist doch keine Haltung zu sagen, ‚ich will nur gestalten, wenn ich auch King of Kotelett bin’. Oliver Kahn ist auch als Nummer 2 zur WM gefahren – weil es der Sache diente!“ Peng.

Raab hatte einen Punkt – und dieser lässt sich auch auf 2017 beziehen. Während damals viele Wähler das finanzkrisenerprobte Duo Merkel/Steinbrück gerne auch in einer neuen Regierung zusammen gesehen hätten, ist auch heute, in einer vor allem von außenpolitischen Problemen geprägten Lage, die Sympathie der Menschen für eine neue große Koalition unter Angela Merkel (und mit einem sozialdemokratischen, international bestens vernetzten Außenminister Martin Schulz) nicht gering. Das neueste ZDF-Politbarometer macht das noch einmal deutlich.

Was wäre es also für ein Coup, wenn Schulz im TV Duell erstmalig den Oli Kahn geben würde! Das könnte so aussehen:

Jeder weiß, dass es mein Ziel ist, Bundeskanzler zu werden. Aber natürlich würde ich auch als Nummer 2, als Vizekanzler und Außenminister meinen Dienst an diesem Land tun, wenn das der Wählerwille sein sollte und ich von meiner Partei den Auftrag dafür bekomme. Wer Angela Merkel zusammen mit einer starken SPD und einem starken Martin Schulz in der nächsten Bundesregierung sehen will, der muss daher SPD wählen. Sonst bekommen wir Schwarz-Gelb.

Eine solche Aussage hätte nicht nur einen enormen Überraschungs- und Nachrichtenwert – sie würde vermutlich den Verlauf des gesamten Duells (inklusive Merkels Vorbereitung) über den Haufen werfen. Und ganz nebenbei könnte sie auch auf das Wahlergebnis der SPD einzahlen. Die öffentlich bekundete Bereitschaft, in einer unsicheren Welt auch als starker Juniorpartner wieder in eine GroKo zu gehen als letzte Chance aufs Kanzleramt? Ist das wirklich so verwegen? Natürlich würde es SPD-Funktionäre geben, die sofort nach dieser Aussage öffentlich querschießen. Aber die gibt es auch bei einem 22%-Wahlergebnis.

Klar ist: Das TV Duell am Sonntag ist die letzte Chance für Martin Schulz in einem aussichtslos scheinenden Wahlkampf. Standardrezepte und das Vertrauen auf die bessere Rhetorik werden hier aber nicht reichen. Es braucht in diesen 90 Minuten Mut zum Besonderen, Mut zum Risiko. Mut, Angela Merkel die Zufriedenheit zu nehmen. Oli Kahn statt Fliegenfänger.