Dieser Beitrag erschien am 6. Juli 2021 am Blog der Österreichischen Public Affairs Vereinigung (ÖPAV).
In den letzten Wochen hörte man wieder einmal etwas von Clubhouse. Clubhouse? Ja genau. Die Social Audio-App, die im Jänner 2021 einen kleinen Hype in der polit-medialen Bubble auslöste, nur um wenige Wochen später schon wieder totgesagt zu werden.
Zum einen sorgten die Meldungen über ein mögliches Datenleck für Aufsehen. Zum anderen verkündete Clubhouse einige technische Neuerungen. Die App ist nun endlich auch für Android-Geräte verfügbar und Invites nicht mehr nötig. Diese anfänglich verknappende Exklusivität ist also vorbei. Zudem sind nun Direktnachrichten möglich und an einer Payment-Funktion wird gearbeitet. Und auch Twitter (Spaces), Facebook (Live Audio Rooms) und Spotify (Greenroom) brachten zuletzt ihre eigenen Social Audio-Angebote an den Start.
Aber abseits davon stellt sich die Frage: Interessieren Social Audio-Apps überhaupt noch irgendjemanden? Und war der Hype nur ein eigenartiges Zusammenwirken von Lockdown-Madness, blindem Technologie-Wahn und einer Polit-Bubble auf der Suche nach Orientierung im Umgang mit neuen Tools?
Wunderwaffe Clubhouse? Eine Bubble und ihr Hype.
Im schier endlosen Lockdown-Winter waren persönliche Aufeinandertreffen schon seit Monaten nur mehr eingeschränkt und seit Wochen gar nicht mehr möglich. Der politische Betrieb fand nur noch digital statt. Die Substitution durch soziale Medien wie Twitter oder Facebook war und ist für die meisten unbefriedigend und machte die Sehnsucht nach etwas Echtem, Bedeutungsvollen und Realen nur größer – auch durch die immer giftigere Stimmung rund um COVID-Themen auf diesen Netzwerken.
Neben dieser Art Lockdown-Müdigkeit brachten insbesondere zwei Faktoren geraden den polit-medialen Seismografen zum Ausschlagen. Zum einen waren es schlicht die hochkarätigen und ungezwungenen Gesprächsrunden zu Beginn. Christian Linder war einer der ersten bekannten Politiker auf Clubhouse. Und der „Candy-Crush-Skandal“ durch Bodo Ramelow weckte verborgene Sehnsüchte bei Journalist:innen und Berater:innen: nah dran zu sein und ungefiltert Informationen zu bekommen. Warum sollte das nicht auch in die österreichische Polit-Szene überschwappen? Clubhouse könnte der Innovationssprung sein, den viele seit der Einführung des Pressefoyers durch Bundeskanzler Bruno Kreisky ersehnen.
Zum anderen stürzte sich der polit-mediale Betrieb deshalb so sehr auf Clubhouse, weil niemand die Gelegenheit – oder zumindest die Chance einer Möglichkeit – verpassen wollte, früh bei einem womöglich prägenden sozialen Medium dabei zu sein. Das Beispiel von Armin Wolf auf Twitter zeigt, welche Möglichkeiten im frühen Erkennen und Besetzen solcher Tools liegen.1
Kurzum: Der Fantasie der Bubble war eigentlich keine Grenze gesetzt. Der Hype war losgetreten.
Clubhouse ist tot. Aber Social Audio-Streaming ist einen Blick wert
Nutzungszahlen sind für einzelne Länder nicht bekannt. Clubhouse selbst spricht von zehn Millionen User:innen bzw. einer halben Million „Räumen“ pro Tag (weltweit) und einer Unternehmensbewertung von 4 Milliarden Dollar. So oder so – medial ist es in Österreich still geworden um die Social Audio-App. Und auch in persönlichen Gesprächen ist Clubhouse kein Thema mehr. Clubhouse, da war doch was?
Wenn man sich aber vom Namen Clubhouse etwas löst, erkennt man durchaus Potenzial von Social Audio-Streaming für Public Affairs (und die politische Kommunikation).
Zum einen erweitert allein schon die technisch niederschwellige Möglichkeit des Live Audio-Streamings den Instrumentenkasten. Die klassische Phone-In-Sendung im Radio funktioniert noch immer. Warum sollte das auf einer Handy-App nicht funktionieren – mit einer anderen Zielgruppe, auf mobilen Endgeräten und weniger Barrieren? Google Hangouts oder Facebook-Live-Events waren schon in vergangenen Wahlkampagnen im Einsatz. So wäre es doch auch lohnenswert, statt dem 20. Bierzeltbesuch oder der gefühlt 500. TV-Debatte im Studio einmal eine Hör-Diskussion direkt mit den eigenen Wahlkämpfer:innen oder Wähler:innen zu führen? Eine Audio-Diskussion nach einer Begutachtungsphase eines Gesetzesvorschlag würde die Schwelle für den/die Otto-Normalbürger:in senken, sich mit der Fülle an Vorschlägen auseinanderzusetzen. Die Debatten-Kultur würde belebt werden.
Andererseits eröffnet es neue Möglichkeiten im Community-Building. Erfolgreiche Podcasts (oder andere reine Sendungs-Formate) haben die Notwendigkeit erkannt, ihre Hörer:innen einzubeziehen. Meist passiert das durch begleitende Social Media-Interaktion, die aber zusätzlich betrieben werden muss. Durch die Audio-Angebote auf großen Social Media Plattformen kann man sogar eine bestehende Community einbinden. Im Consumer-Marketing werden Gewinnspiele, Foto-Challenges oder Produktfragen eingesetzt, um Kund:innenbindung zu erzeugen. In der politischen Arbeit (in allen seinen Dimensionen) geht es um noch mehr. Es geht um Vertrauen. Dieses wird noch immer am besten durch den persönlichen Austausch aufgebaut. Sich stimmlich zu hören, schafft Nähe und Verbindlichkeit.
Nicht das Tool, sondern der strategische Einsatz
Sind also Social Audio-Apps ein absolutes Muss für Public Affairs und Politik? Nein, natürlich nicht. Wie jedes andere digitale Tool sind sie kein Wunderwerkzeug für alles. Viele Fragen sind noch ungeklärt (z.B. welcher Grad an Moderation ist notwendig und sinnvoll?) und die nützlichen Einsatzweisen müssen sich erst etablieren. Aber eine gute Public Affairs-Strategie hat Social Audio-Streaming ab sofort im Instrumentenkasten und kann es einsetzen. Genau das ist das Wesen von Digital Public Affairs: digitale Tools sind kein Selbstzweck, sondern erweitern den strategischen Handlungsspielraum.
Social Audio-Streaming hat also Potenzial, auch wenn es nicht der Name Clubhouse sein sollte.
1 Der ORF-Anchorman war früh auf dieser neuen Plattform und trat aktiv in den Dialog mit einer damals noch sehr überschaubaren, aber meinungsbildenden Community. Seit Jahren ist er mit 492.000 Follower der österreichische “Influencer” auf Twitter (siehe OTS Twitterlist).
Bild: Marco Verch, Creative Commons 2.0