Mir begegnet in letzter Zeit des Öfteren der sicher gut gemeinte Ratschlag, angesichts der Weltlage den eigenen Nachrichtenkonsum stärker zu dosieren. Kollegen vom Südwestrundfunk haben neulich sogar empfohlen: „Am besten kapselst du dich zeitweise von der Nachrichtenflut ab.“ Dass es bei solchen Tipps nicht nur um die Vermeidung schlechter Laune geht, merkt man schon daran, dass es mittlerweile ähnliche Empfehlungen auf den Internetseiten aller Krankenkassen gibt.

Sie können sich vorstellen, dass freundliche Hinweise dieser Art für die Redaktion einer Nachrichtensendung und deren Moderatorin nicht leicht zu befolgen sind. Der Tipp, eine „Nachrichtensperre vor allem vor dem Schlafen“ einzuhalten, hilft da leider noch weniger. Die „tagesthemen“ beginnen meistens um 22.15 Uhr – am Wochenende auch gerne noch etwas später. Und anderen Menschen zu empfehlen, nach 22 Uhr auf Nachrichtenkonsum zu verzichten, erscheint mir grundsätzlich nachvollziehbar, kommt mir aber aus gewissen Gründen auch schräg vor. 

Nicht nur Nachrichtenjournalisten geht es so. Auch sehr viele Politiker, Berater und Entscheider, denen ich begegne, beginnen ihre Tage mit schlechten Nachrichten, sie checken die Lage zwischendurch, und sie gehen mit einem letzten Blick in die Abgründe dieser Welt ins Bett. Weil es ihnen einfach nicht anders möglich ist. Wir sind umgeben von Doomscrollerinnen und Doomscrollern – oder wir sind längst selber welche.

Von Medien – nicht nur den öffentlich-rechtlichen – wird erwartet, dass sie ihrem Informationsauftrag gerecht werden, komplizierte Vorgänge „einordnen“, „Orientierung“ bieten, Missstände aufdecken und möglichst zugleich auch noch „Haltung“ zeigen – die richtige natürlich. Von Politikern und Unternehmern wird erwartet, dass sie das Land oder ihre Firmen „zukunftsfest“ machen. Aber das Risiko ist hoch, dass gerade diejenigen, die kühl die Nachrichtenlage analysieren oder Lösungen für Probleme finden sollten, zu denjenigen gehören, denen die Zuversicht abhandenkommt – und deren Weltsicht einen negativity bias erhält.

Es kann aber nicht darum gehen, die kritische Perspektive des Journalismus in Frage zu stellen. Wir müssen nicht dauernd „das positive Beispiel“ suchen und – wie in den Autokratien und Diktaturen dieser Welt – überhaupt nur noch über angebliche Fortschritte berichten. Da ist die Glaubwürdigkeit nämlich spätestens dann aufgebraucht, wenn der nächste Zug „wegen verspäteter Bereitstellung“ stundenlang auf sich warten lässt oder gleich ganz ausfällt. Journalismus ist eben nicht nur Chronist des Chaos, sondern auch Wegweiser zu den Chancen.

Wir sollten uns klarmachen, dass wir oft selbst in einer dunklen Blase sitzen und nicht mehr über das Gelungene oder das Gelingende, über positive Entwicklungen oder mögliche Chancen sprechen, sondern über Risiken, Stillstand oder Niedergang. Ich glaube, dass Medien, Parteien, die demokratischen Institutionen Deutschlands oder Europas oft aus einer Position der Defensive agieren, weil sie selbst nicht mehr an ihre Stärke glauben, weil ihr Guthaben an Mut und Souveränität aufgrund immer schärferer Anfeindungen so gut wie aufgebraucht scheint.

Glücklicherweise wimmelt es in diesem Heft von Menschen, die sich nicht dem Pessimismus hingeben. Es sind Menschen, die die Zukunft gestalten mit kühnen Ideen, einer guten Portion Unerschrockenheit und dem Beharren darauf, miteinander über Meinungsblasen hinaus im Gespräch zu bleiben. Jeder und jede Einzelne davon macht einen Job, der unbezahlbar ist.

Jessy Wellmer ist eine der beiden Hauptmoderator:innen der „tagesthemen“, des überregionalen Nachrichtenjournals der ARD.

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