Wie verläuft der Weg von der Beratung in die Deep-Tech-Branche oder das Europäische Parlament? Worin besteht der Unterschied zwischen Laser- und Magnetfusion und welche Rolle spielen die politischen Rahmenbedingungen für Deep Tech in Europa? Darüber haben wir mit Heike Freund, COO von Marvel Fusion, und Andrea Wechsler, Mitglied des Europäischen Parlaments, gesprochen.

Ihr habt beide Eure Karriere bei McKinsey begonnen. Welche Erfahrung in der Beratung habt Ihr gemacht, die Euch geprägt hat für das, was Ihr seitdem macht?

Wechsler: Sicherlich die strukturierte, die wirtschaftsorientierte Herangehensweise, natürlich auch „Work hard, play hard“, also eine unglaubliche Arbeitskultur.

Heike, Du warst am Ende Partnerin bei McKinsey. Was begleitet Dich bis heute?

Freund: Die Fähigkeit, mich immer wieder sehr schnell in neue Situationen einarbeiten zu können, oft ohne vollständige Informationen zu haben. Und dann das stark hypothesenbasierte Arbeiten, sich auf die Kernpunkte fokussieren. Auch vom großen Netzwerk und den Einblicken in unterschiedliche Industriebereiche profitiere ich noch heute.

Wann begann Deine Begeisterung für Wissenschaft und Technologie?

Freund: Wahrscheinlich im Kindesalter. Mich hat immer fasziniert, wie Sachen funktionieren. Ich hatte zu Hause im Keller eine Werkbank und wollte lieber alles auseinanderbauen, als es wieder zusammenzusetzen. Als Schülerin fand ich Kernspaltungskraftwerke spannend und hatte einen Brief an die damalige Gesellschaft für Kernspaltungskraftwerke geschrieben. Ich habe dann viel Infomaterial bekommen und eine Einladung, das Kernkraftwerk in Philippsburg zu besuchen. Zwischendurch ist in meinem Leben das Thema Energie in den Hintergrund getreten. Aber letztlich wurde mir klar, wie entscheidend es für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist und dass die energiereichen Industrien eine billige, CO₂-freie, saubere, sichere Energie brauchen, um bestehen zu können.

Andrea, Du bist Juristin mit Faible für Technologiethemen. Wann kam das Interesse für das, was Dich heute beruflich prägt?

Wechsler: Ich bin Tochter von zwei Naturwissenschaftlern und komme auch aus einem sehr politischen Haushalt. Das sind die zwei Säulen, die mich geprägt haben. Im juristischen Bereich habe ich mich um die innovationsnahen Rechtsgebiete gekümmert: Patentrecht, Urheberrecht, jetzt KI. Ich war immer sehr eng mit den Technologien verbunden und mit der Frage, wie regulieren wir, um Innovationskraft zu fördern? In meiner Arbeit im Europäischen Parlament kommen beide Bereiche zusammen.

Ihr habt in eher männerdominierten Branchen Karriere gemacht. Hattet Ihr eher Frauen als Mentorinnen oder hat das keine Rolle gespielt?

Freund: Ich hatte das Glück, frühzeitig auch starke Frauen als Mentorinnen zu haben. Es ist extrem wichtig, Role Models zu haben. Ich habe frühzeitig gesehen, dass diverse Teams besser funktionieren. Die Ergebnisse sind besser, wenn nicht vier Männer auf einem Projekt sind, die an der gleichen Uni das Gleiche studiert haben und gleich alt sind. Und das Wissen implementiere ich jetzt auch bei Marvel Fusion, gehe dabei aber weiter. Wir sind aktuell 80 Mitarbeiter mit 22 unterschiedlichen Nationalitäten. Wir haben Physiker, Ingenieure, aber auch Menschen mit unternehmerischem Hintergrund. Auch Altersdiversität ist mir wichtig.

Wechsler: Während meiner Zeit auf einem Mädchengymnasium erlebte ich eine hohe Technikaffinität. Später, in der Hochschulleitung und der deutschen Politik, war ich oft in männerdominierten Umfeldern. Auf europäischer Ebene ist Gleichberechtigung hingegen eine viel größere Selbstverständlichkeit. Diese Kontraste haben mich geprägt. Deshalb versuche ich heute, als Vorbild die Selbstverständlichkeit zu leben, dass Frauen in diesen Berufen erfolgreich sind, und das mit großer Sensibilität für verschiedene Lebenssituationen.

Marvel Fusion setzt auf Laserfusion. Was ist der Unterschied zur Magnetfusion und warum verfolgt Ihr diesen Ansatz?

Freund: Magnetfusion und Laserfusion sind zwei grundsätzlich unterschiedliche Technologien. In der Magnetfusion versucht man mit starken Magneten, hohen Temperaturen und langen Zeiten die Fusion umzusetzen. In der Laserfusion schießt man mit sehr kurzen Laserpulsen auf Treibstoffkügelchen. Warum haben wir uns für die Laserfusion entschieden? Weil die Kurzpuls-Lasertechnik in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht hat und weil wir wissenschaftlichen Weiterentwicklung sehen. Im Dezember 2022 ist es Wissenschaftlern in den USA erstmals gelungen, Energiegewinn mit Laserfusion nachzuweisen. Bei der Umsetzung im Kraftwerk arbeiten wir eng mit unserem Partner Siemens Energy
zusammen.

Wechsel zur europäischen Ebene, Andrea: Wir reden hier über den Deep-Tech-Bereich, also über Technologien, deren Entwicklung viel Kapital benötigt und mit großen Risiken verbunden ist. Wenn man Heike hört, hat man das Gefühl, es gibt keinen Weg daran vorbei, auch politisch auf dieses Thema zu setzen. Wie schaut die Europapolitik aufs Thema Kernfusion, aber auch auf Deep Tech generell? Wo gibt es Nachhol- und Aufholbedarf?

Wechsler: Es ist Aufgabe der Politik, diese Durchbrüche zu einem Scale-up zu führen, Rahmenbedingungen zu setzen, die dazu führen, dass die Technologie eine tragfähige Säule der künftigen Energieversorgung Europas darstellt. Hier gab es politische Durchbrüche. Das eine ist der deutsche Koalitionsvertrag, aber in Europa sind wir schon einen ganzen Schritt weitergekommen, indem wir die Diskussion geführt haben, wohin geht es mit dem Green Deal? Wir wissen, dass Fusion Energy eine dekarbonisierte Energiequelle ist und wir weiter am Green Deal festhalten wollen. Mit dem Clean Industrial Deal machen wir deutlich: Der Fokus der nächsten vier, fünf Jahre muss auf der Förderung von Clean Tech, Deep Tech liegen und dazu gehört die Kernfusion. Außerdem verstehen wir immer mehr, wie kritisch die Energieinfrastruktur für die strategische Autonomie Europas ist, für Resilienz und Unabhängigkeit. Wir haben das Ziel, auf eigene Energietechnologien zu setzen.

Reicht das deutsche und europäische Engagement im internationalen Wettbewerb?

Freund: Während die USA mit ihrer „Bold Decadal Vision“ und China mit massiven Investitionen international vorpreschen, hat auch Europa, insbesondere Deutschland, ambitionierte Ziele für die Fusionstechnologie formuliert. Die Umsetzung dieser Vision steht jedoch vor drei zentralen Herausforderungen. Erstens Funding: Weniger als 4 Prozent der weltweiten privaten Fusionsinvestitionen fließen in die EU. Um diesen Anteil zu steigern, brauchen wir meilensteinbasierte Förderprogramme nach dem Vorbild des ARPA-Programms (Advanced Research Projects Agency), das zum Beispiel SpaceX groß gemacht hat. Zweitens brauchen wir einen innovationsfreundlichen und harmonisierten regulatorischen Rahmen, der Fusion nicht wie Kernspaltung behandelt. Zuletzt sollten wir den Austausch
und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Start-ups, Großunternehmen und Politik in Europa deutlich stärken.

Was sind die wichtigsten Aspekte, die auf europäischer Ebene angepackt werden müssen, Andrea?

Wechsler: Zentral ist für mich die Regulatorik: Wir müssen sie vereinfachen und für die Fusion einen eigenen, von der Kernspaltung getrennten Rechtsrahmen schaffen. Daran arbeiten wir auf EU-Ebene. Noch entscheidender ist aber, dass wir angesichts des globalen Wettbewerbs und der geringen Investitionen einen klaren „European Deal“ brauchen. Wir müssen unsere heimischen Zukunftstechnologien strategisch unterstützen, um die Wettbewerbsfähigkeit Europas zu sichern.

Wie nehmt Ihr die allgemeine Bereitschaft wahr, eine solche Technologie zu verfolgen?

Freund: Ich glaube, viel hängt von der Informationsvermittlung ab. Mein Gefühl ist, dass das Bewusstsein für den Unterschied zwischen Kernspaltung und Kernfusion in den letzten Jahren stark gewachsen ist. Im politischen Bereich habe ich das Gefühl, dass heute 90 Prozent den Unterschied kennen, weil die Themen einfach oft auf der Agenda waren.

Wechsler: Um die Menschen zu überzeugen, sind für mich zwei Dinge entscheidend: zum einen, eine klare juristische Trennung von der Kernspaltung; zum anderen, eine einfache, positive Kommunikation – die Geschichte, dass wir die Sonne auf die Erde holen. So bekommen wir die Menschen an Bord, um diese Technologie voranzutreiben.

Wir würden Euch gerne gedanklich in das Jahr 2035 versetzen. Was glaubt ihr, wo wir dann stehen? Was haben wir in den zehn Jahren seit 2025 erreicht?

Wechsler: Mein Traum wäre es, in zehn Jahren das erste funktionierende kommerzielle Fusionskraftwerk in Europa zu sehen. Auf jeden Fall sollten wir bis dahin aber essenzielle Schritte bei der European Fusion Strategy umgesetzt und die Menschen auf dem Kontinent mit Technologiebegeisterung angesteckt haben, um dieser Technologie eine Chance zu geben.

Was ist Deine Vision, Heike?

Freund: 2035 haben wir das erste Fusionskraftwerk in Europa gebaut, haben damit demonstriert, dass wir „Deep Tech made in Europe“ können und wieder eigene Champions aufbauen. Hoffentlich hilft das dabei, auch in anderen wichtigen Zukunftsfeldern eigene Champions zu haben.

Im Gespräch mit Lilly Blaudszun und Dr. Daniel Wixforth

Prof. Dr. Andrea Wechsler ist Mitglied des Europäischen Parlaments und dort Vorsitzende der Parlamentariergruppe der Europa-Union. Zuvor war sie Professorin für Wirtschaftsprivatrecht an der Hochschule Pforzheim. Wechsler ist Expertin für Industrie-, Forschungs- und Energiepolitik.

Heike Freund ist seit 2020 COO von Marvel Fusion, einem Deep-Tech-Start-up im Bereich Laserkernfusion. Zuvor war sie mehr als zehn Jahre bei McKinsey, zuletzt als Partnerin.

In dieser Ausgabe der HALTUNG freuen wir uns über eine besondere Premiere bei 365 Sherpas: Erstmals kooperieren wir mit unserem Podcast „Spillover“, gehostet von Lilly Blaudszun und Daniel Wixforth. „Spillover“ erkundet einmal im Monat gemeinsam mit Gästen die Grenzgebiete zwischen Wirtschaft, Politik und Kommunikation – eine perfekte Ergänzung zur HALTUNG als Plattform für politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Standpunkte.

Die Idee zur aktuellen Kooperation entstand, als ein ursprünglich für das Magazin geplantes Doppelinterview so spannend zu werden versprach, dass wir uns entschieden haben, daraus eine komplette Podcast-Folge zu machen. Das Ergebnis gibt es nun gleich doppelt: als ausführliches Gespräch in voller Länge im „Spillover“-Podcast (hörbar auf den bekannten Plattformen) und in gekürzter, redaktionell aufbereiteter Fassung im Magazin.

Wie in Podcasts üblich, wird auch hier geduzt.

Bildnachweis © Bernd Brundert