Gastbeitrag von Henrik Bunzendahl, Geschäftsführer Strategie bei Zum goldenen Hirschen Stuttgart

Kurz zur Einordnung. Mein Lebensmittelpunkt liegt in Stuttgart. Die Region, in der sich Automobilindustrie und deren Zulieferer die Klinke in die Hand geben. Geboren bin ich in Niedersachsen, wo VW und Landesregierung eine manchmal ungute Nähe zueinander pflegen, meine Frau kommt aus Bayern und hat in München studiert. Ich habe also die sogenannten Autoländer wie Benzin im Blut. Das klingt schon ein wenig ungesund.

Apropos: Spricht eigentlich noch jemand über Rüsselsheim und den Opel Blitz?

Genug der Vorreden. Die Pandemie und die Auswirkungen auf die Frage, wie die Mobilität der Zukunft aussieht, hat auf die Automobilindustrie besonders gewirkt. Das kann auch in diesem Blog nachgelesen werden.

Die Frage lag sicherlich vorher schon auf dem Tisch, aber jetzt stellt man ein wenig mit Erstaunen fest, wie unsicher und teilweise unvorbereitet die deutschen Auto-Schlachtschiffe darauf vorbereitet waren.

Neue Fahrzeuge, offene Fragen

Zum einen aus der reinen Produkt-Perspektive. Nachdem im März der Genfer Autosalon abgesagt wurde, stampften BMW, Daimler & Co. erstaunlich schnell Online-Formate aus dem Boden, um ihre neuen Vehikel vorzustellen. Imposant, professionell im Auftreten und durchaus innovativ waren diese Formate. Was dort vorgestellt wurde, ließ aber Fragezeichen zurück.

Ein Highlight war ein Hybrid-Modell mit einer Reichweite von ca. 35 bis 40 Kilometern. Ich selber besitze auch einen sogenannten Hybriden, konzipiert im Jahr 2017. Mit dieser, ja, Übergangstechnologie bin ich gut und leise locker innerorts unterwegs und das Ladesäulen Netz ist in Stuttgart dank großer Energieunternehmen vor Ort ganz gut ausgebaut, aber noch nicht gut genug.

Ist in den letzten drei Jahren also nichts weiter passiert oder genügen jetzt die paar Kilometer Reichweite für die innerstädtischen Fahrten?

Mehr E-Autos, doch Verbrennerzahlen sind weiterhin hoch

Die Anzahl der E-Kennzeichen und der Teslas ist im Straßenbild der wirtschaftlich starken Region Stuttgart stetig angestiegen. Auch wenn die kritische Masse noch lang nicht erreicht ist, merkt man, da geht was. Positiv kann man hier auch noch hervorheben, dass die gesamte Share Now-Flotte in Form von E-Smarts in Stuttgart rein elektrisch aufgestellt ist.

Geht man die Produktpaletten der Autohersteller durch, ist das Übergewicht an Fahrzeugen, die immer noch grundsätzlich mit der Idee eines Verbrennungsmotors betrieben werden, erschreckend hoch. Hier wurde in den letzten Jahren zu langsam agiert, entschieden und dementsprechend gehandelt. Wenn es beim Auto auch ein bisschen auf Fahrspaß und Geschwindigkeit ankommt, hätte man den Spaß und die Geschwindigkeit an Innovationen mal in die Entwicklung neuer Modelle stecken sollen. Jetzt gilt es, im wahrsten Sinne des Wortes, auf‘s Gaspedal zu drücken.

„Wir wollen kein zweites Ruhrgebiet werden“

Die zweite Perspektive ist die wirtschaftliche. Wer nicht in Baden-Württemberg lebt, kann sich schwer ein Bild davon machen, welche tiefgreifenden Verbindungen die Automobilindustrie in alle Lebensbereiche hat. Jeder kennt jemanden, der bei Daimler, Porsche, Bosch & Co. oder bei einem der vielen Zulieferer in der Region arbeitet. Da wird der Firmenausweis beim After-Work-Bier auch gerne mal stolz vorgezeigt.

Zum anderen geistert aber seit ein paar Jahren schon ein Gespenst umher. Das Gespenst des Strukturwandels, wobei manchmal auch der Begriff „Wir wollen kein zweites Ruhrgebiet“ werden, fällt. Dazu gibt es Kommissionen, Arbeitskreise und Roundtables.

Mit der Pandemie hört man jeden Tag neue Geschichten über Kurzarbeit, Auftragseinbrüche bei Dienstleistern und vieles mehr. Man nickt sich dann nur zu und weiß ganz genau, wenn man über die Abhängigkeit von der „Automotive Industry“ spricht.

Raus aus der Komfortzone

Was wie eine Binsenweisheit klingt, wird jetzt zur harten Realität. Man hat sich in der „Comfort Zone“ viel zu lange behaglich eingerichtet. Trotz aller Transformationsbekundungen wurde oft am Ende nicht wirksam genug gehandelt oder gegengesteuert.

Wenn man in der Presse davon liest, dass ein Drittel aller Führungskräfte bei der Firma mit dem Stern gehen sollen, kann man erahnen, wie ressourcenintensiv (und da geht es nicht nur um Material und Energiekosten) Autos in Deutschland konzipiert, gebaut und „verwaltet“ werden.

Auch hier spielt der Faktor Geschwindigkeit eine große Rolle. Wer jetzt nicht rasend schnell und schlau sich den relevanten Fragen stellt, hat schlechte Aussichten.

Eine Chance: Die Route wird neu berechnet

Um im Bild von Mobilität und Geschwindigkeit zu bleiben, geht es ja immer „nach vorne“. Und dies ist auch zugleich die Chance. Die Route der Automobilindustrie wird aufgrund der Pandemie grad neu berechnet. Das muss so sein, egal ob die Erkenntnis jetzt zu spät oder grad noch rechtzeitig kam. Auf der Straße konnte es so nicht weitergehen.

Im privaten Kontext erzählte mir ein Bekannter, der als Einkäufer für Material und Rohstoffe bei einer der beiden Automarken in Stuttgart tätig war, dass sich nichts ändern wird, solange „Autos immer noch als Kiste mit vier Rädern gedacht werden“. Und das ist über fünf Jahre her.

Also jetzt aufholen, was man verpasst hat. Es ist möglich. Noch.