Am Marterpfahl der Langeweile

2018-08-27T11:00:01+00:004. Dezember 2017|

Von Hans Langguth

Von wegen langweiliger Wahlkampf! Erinnern Sie sich etwa nicht mehr an den netten Rentner, von den Indianer spielenden Enkeln mal eben an den dicken Baum im Garten gefesselt? „Falls am Wahltag was dazwischenkommt“, hatte der CDU-Werber drauf getextet und wohl gemeint, damit Heerscharen von Unionswählern zur Briefwahl animieren zu können. Ob das gelang, ist nicht bekannt. Immerhin sorgte das Plakat im Sommer aber doch für so etwas Ähnliches wie Aufregung. Es sind regionale Proteste aus dem Südwesten der Republik überliefert. Von entsetzt schimpfenden und kopfschüttelnden älteren Herrschaften am Heidelberger Hauptbahnhof wird ob dieser Unverschämtheit berichtet.

Wie er da so gefesselt vor sich hinlächelt auf dem CDU-Plakat, erinnert der Herr mit dem schlohweißen Haar dann übrigens doch sehr an einen gewissen bayerischen Ministerpräsidenten, dem Angela Merkel ihr großes Canossa-Erlebnis verdankt. Nein, nein, nicht die Obergrenzen-Schelte vom Seehofer-Horst. An der Stelle mal drei kleine Hinweise: 2002, Frühstück, Wolfratshausen. Na, macht es Klick? Feine Ironie, dass das gefesselte Bleichgesicht am Marterpfahl ausgerechnet Edmund Stoiber ähnlich sieht, dem Frau Merkel bei Buttersemmeln, Marmelade, Wurst und Käse die später erfolglose Kanzlerkandidatur antrug. Aber das alles nur nebenbei.

Und jetzt mal im Ernst: Über diesen Wahlkampf 2017 ist ja wohl alles gesagt, wenn ein stoiberesk grinsender Rentner am Marterpfahl, Frau Petrys Baby und die Unterhemden von Herrn Lindner die größten Aufreger waren! Dieser Wahlkampf, er war in einem Wort gesagt, nun ja, langweilig war er halt. Langweilig und berechenbar. Aber so was von berechenbar.

Was haben wir gejohlt, gepfiffen und lamentiert! Die Langeweile beklagt. Die Berechenbarkeit gescholten. Kreative Konzepte gewollt. Das große Duett beim Duell bekommen. Das ist, man kann nicht oft genug daran erinnern, erst ein Vierteljahr her. Heute singen sie in den Leitartikeln und Feuilletons wieder das hohe Lied von Berechenbarkeit und Stabilität. Und nicht nur da. Von staatspolitischer Verantwortung ist nun viel die Rede. Die es braucht wegen Europa und überhaupt. Stability made in Germany. Wow! Schon reicht die Fantasie nur noch für die inzwischen auch nur noch so mittelgroße Koalition. Als hätte es das große Lamento nie gegeben.

Fast scheint es also, wir Deutschen seien mehrheitlich geheilt von der Lust aufs politische Experiment. Erst war die Überraschung groß, als in der Wahlnacht klar wurde, wohin die Reise überraschenderweise geht. Nach Jamaika. Ins Land der Vielfalt, ins Land der Widersprüche. Mal was anderes, was Neues, was Überraschendes. Bitte schön, warum denn nicht! Man war gespannt, durfte gespannt sein. Nicht ganz so berechenbar. Nicht ganz so stabil. Ganz und gar nicht stabil, wie sich später zeigte. Und in seinem Scheitern dann doch auch wieder so berechenbar mit all den üblen Pöbeleien, den altbekannten Reflexen und Ritualen. Da waren die hohen Erwartungen längst enttäuscht. Kein Zauber. Kein Neubeginn. Nirgends. Mit alten Rezepten zu neuen Ufern – nun ja, schwierig. Erschöpft von all den Interviews und Tweets und Talkshows, bedient von ständigen Vorwürfen und späten Schuldzuweisungen ist das geneigte Publikum erschöpft in seine Sessel gesunken.

Dann also doch lieber die große Berechen­barkeit. Die ultimative Macht des Faktischen hat uns wieder eingeholt. Und das Merkel‘sche Diktum von der vermeintlichen Alternativlosigkeit, es feiert fröhliche Urständ.

Wie gesagt, diese ganze emotionale Achterbahnfahrt hat in nicht einmal drei Monaten stattgefunden. Im Zeitraffertempo einmal nach Jamaika und zurück zu Berechenbarkeit und Stabilität. Von Dieter Roth, dem Nestor der Wahlforschung im ZDF stammt der Merksatz, dass 80 Prozent der Deutschen einfach nur gut regiert werden wollen. Gut regiert gleich berechenbar und stabil? Da habe ich inzwischen so meine Zweifel. Die Berechenbaren und die Stabilen haben am 24. September 73 Prozent der abgegebenen Stimmen geholt. Rechnet man die Nichtwähler mit ein, waren es keine 60 Prozent mehr. Ein Plädoyer fürs Weiter so! sieht anders aus. Dass nun schon zwei Parteien im Parlament sitzen, die mehr oder nur noch weniger unverhohlen, die einen abstrakt, die anderen ganz, ganz konkret die Systemfrage stellen, macht zusätzliche Schwierigkeiten. Die Gegner der parlamentarischen Demokratie sind lauter, aggressiver, unverschämter geworden und für den Augenblick auch mehr. Größer könnte die Herausforderung kaum sein.

Da ist viel Platz und auch viel Bedarf für gutes Regieren. Ob sich die drängenden Themen und Fragen der Zeit ihre Mehrheiten im Bundestag suchen und sie finden, ist nicht gewiss. Einen Versuch wäre es allemal wert, im wahrsten Brandt‘schen Sinne mehr Demokratie zu wagen. War es nicht auch die großgestige und kleingeistige Gutsherrenart, die am 24. September 2017 abgewählt wurde? Die wohlgemeinte Fürsorglichkeit, mit der Opposition, kritische Öffentlichkeit und widerstrebendes Publikum seit 2013 lahmgelegt wurden, hat der Demokratie und ihrem Ansehen jedenfalls nicht gutgetan. Um die Stimme des einzelnen Abgeordneten zu kämpfen, ist Bilderbuchdemokratie und keine Schande.

Anstrengend ist das natürlich, auch deshalb scheuen Protagonisten und Publikum nach dem schwarz-gelb-grünen Abenteuer davor zurück. Wahrscheinlicher scheint in diesen Tagen deshalb doch noch eine womöglich geläuterte große Koalition. Verlängert sie die Legislaturperiode wie vor der Wahl bereits avisiert auf fünf Jahre, wäre der Berechenbarkeit Genüge genug getan, dem Dauerwahlkampf und den gar zu kurzen medialen Erregungszyklen ein Stück entronnen. Dann begrenzt aber bitte schön auch die Laufzeit der Kanzlerschaft! So viel gezähmte Unberechenbarkeit kann allemal sein.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Berechenbarkeit und Langeweile. Das hat uns nicht zuletzt der verkorkste Wahlkampf 2017 gezeigt. Und Stabilität ist kein Wert an sich, der Abstand zum Stillstand ist auch nicht besonders groß. Das soll nicht heißen, dass man sich nicht auf Personen und Programme verlassen können soll. Ganz ohne unkonventionelle Entwürfe, ungeübte Handlungen und unberechenbare Überraschungen wird es aber in Zukunft nicht gehen. Denn der nächste Wahlkampf kommt bestimmt.

 

Hans Langguth ist gelernter Journalist, leitete ab 2000 die Wahlkampfkommunikation von Bündnis 90 /Die Grünen, war von 2002 bis 2005 stellvertretender Sprecher der Bundesregierung und Leiter des Presse- und Informationsamtes. Seit 2006  ist er Geschäftsführer der Agentur Zum goldenen Hirschen Berlin.

 

Der Beitrag ist im Dezember 2017 in unserem Jahresbrief „Haltung“ erschienen, Thema der Ausgabe ist „Neue Berechenbarkeit“. 

 

Bild: Heidelberg24/Peter Kiefer