Allround-Lösungen gibt es nicht

2018-08-27T12:43:06+00:0012. Januar 2017|

Wie ein Online-Portal Unternehmen bei der kulturellen Integration von Geflüchteten hilft.

Es wird viel diskutiert über die Integration von Geflüchteten, in Talkshows und an Stammtischen, im Büro und in der Familie, mit Freunden und mit Fremden. Aber ob es gelingt, die Menschen zu integrieren, die bei uns Zuflucht suchen, wird nicht in Debatten entschieden, sondern im Alltag, im täglichen Zusammenleben und im gemeinsamen Handeln. Und das findet vor allem in der Arbeitswelt statt, also in den Betrieben.

Es hat sich herumgesprochen, dass Arbeit einer der wichtigsten Integrationsbeschleuniger ist. Nicht ohne Stolz verweisen Arbeitgeber und Gewerkschaften gerne darauf, dass in den Betrieben klappt, was vor allem in den Problemvierteln der Großstädte zu oft schiefgeht: das normale, fruchtbare, bereichernde Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Kultur.

Dennoch: allein wegen seiner Größenordnung ist der Flüchtlingsstrom vor allem des Jahres 2015 nicht zu vergleichen mit den Zuwanderungswellen der Vergangenheit. Auch die kulturelle Distanz, die es zu überbrücken gilt, ist größer als bei den früheren Zuwanderergruppen, die vornehmlich aus Europa stammen. Der Verweis auf Erfolge der Vergangenheit wird nicht reichen, um die Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft zu meistern.

Politik, Behörden und Wirtschaftsverbände haben verstanden, dass sie die Unternehmen mit der betrieblichen Integration nicht alleine lassen dürfen. Es gibt zahlreiche Informationsangebote und Hilfestellungen für die Unternehmen, die sich entschlossen haben, Geflüchteten eine Chance zu geben und ihnen zu helfen, in Deutschland Fuß zu fassen. Oft geht es dabei um arbeitsrechtliche Fragen, öffentliche Fördermöglichkeiten oder Angebote für den Spracherwerb.

Informations- und Beratungsbedarf besteht in den Unternehmen aber auch bei Themen, die die kulturellen Unterschiede und die Integration in den Arbeitsalltag betreffen. Dazu gehören zum Beispiel religiöse Ernährungsvorschriften oder die in den Medien oft diskutierten Probleme geflüchteter Männer mit weiblichen Vorgesetzten. Besonders kleine und mittlere Unternehmen (KMU) ohne eigene Personalabteilung brauchen in diesen Fragen sachverständigen Rat von außen.

Genau an diesem Punkt setzt „In Arbeit“ an, das im Oktober 2016 gestartete Angebot der Initiative Neue Qualität der Arbeit, die vom Bundesarbeitsministerium und den Sozialpartnern getragen wird. Es zeigt, welche Probleme auftreten können, wie man ihnen begegnet und wie aus der neuen kulturellen Vielfalt am Arbeitspatz Chancen für die Unternehmen und die neuen Mitarbeiter entstehen können. „In Arbeit“ richtet sich dabei explizit an Unternehmen, die bereits Geflüchtete beschäftigen und bietet praxiserprobte Anregungen und Beratung zu Fragen rund um das Thema Integration im Betrieb. Auf inarbeit.inqa.de finden Betriebe Erfahrungen und Berichte anderer Firmen, die diese im beruflichen Alltag mit den neuen Kollegen gemacht haben. Die Website bietet den Unternehmen auch die Möglichkeit, sich über eine interaktive Karte miteinander zu vernetzen, sich auszutauschen sowie Beratungsangebote und Fördermöglichkeiten in der Region zu finden. In einem Frage-und-Antwort-Modul können sie zudem ihre individuellen Fragen stellen, die von Experten beantwortet werden.

Grundlage von „In Arbeit“ bildet eine in 2016 unter anderem von den 365 Sherpas gemeinsam mit der Agenturschwester ressourcenmangel durchgeführte Befragung von Unternehmen unterschiedlicher Branchen, die bereits mit Geflüchteten zusammenarbeiten und ihre Erfahrungen gerne teilen möchten.

Viele der befragten Betriebe heben die positiven Erfahrungen hervor, die sie in der Zusammenarbeit mit den neuen Kollegen gemacht haben und die sie als motiviert und verlässlich beschreiben. Aber auch Probleme werden offen angesprochen und man erfährt, wie die Unternehmen damit umgehen, wenn zum Beispiel geflüchtete Männer die Autorität weiblicher Vorgesetzter in Frage stellen. In anderen Fällen geht es um kulturell bedingte Missverständnisse, die es auszuräumen gilt: Man dürfe sich zum Beispiel nicht wundern, wenn Geflüchtete im Bewerbungsgespräch die eigenen Fähigkeiten deutlich stärker übertreiben als es den hiesigen Gewohnheiten entspricht, stellt ein Software-Unternehmer aus Süddeutschland fest. Was hier befremdlich erscheint, ist in anderen Kulturen gängige Verhandlungstaktik – man muss sich darüber nicht ärgern, man muss es nur wissen.

Ob rechtliche Fragen, zum Beispiel bei unklaren Bleibeperspektiven, kulturell bedingte Hürden im täglichen Miteinander oder Schwierigkeiten bei der Verständigung in deutscher Sprache – „In Arbeit“ greift diese Themen auf und setzt vor allem auf die Vermittlung praxiserprobter Erfahrungen anderer Unternehmen. Eines ist dabei jetzt schon deutlich geworden: Es gibt keine Allround-Lösung, die in allen Unternehmen gleichermaßen funktioniert. Hilfreich sind meist individuelle Absprachen und Lösungen, alle mit dem Ziel, die Geflüchteten langfristig in die Belegschaft zu integrieren.

 

Die Autorin

Cornelia Göbel ist Managing Director bei den 365 Sherpas. Ihre Schwerpunkte sind die strategische Beratung, Konzeption, Planung und Umsetzung von crossmedialen Kampagnen sowie Content Marketing.

 

Bild: Screenshot