„Alle müssen gehört werden“

2018-08-27T11:00:39+00:004. Dezember 2017|

Lassen sich Eskalationen bei Großprojekten wie Stuttgart 21 durch kluge Bürgerbeteiligung verhindern? Ein Gespräch mit dem Landschaftsplaner und Mediator Martin Seebauer über die Berechenbarkeit von Bauprojekten.

365 Sherpas: Sie sind von Hause aus Landschaftsarchitekt. Wie wird man da zum Moderator und Mediator?

Seebauer: Ein Händchen für das Lösen von Konflikten hatte ich schon zu Schulzeiten und gleich bei meinem ersten Studienprojekt als Landschaftsplaner im Jahr 1974: In Berlin-Kreuzberg ging es darum, Anwohner und verschiedene Akteure in die Planungen einzubinden. Das Thema Beteiligung hat mich dann im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit nie mehr losgelassen. Bis dahin, dass ich 2006/2007 eine Ausbildung zum Mediator machte und dann auch noch ein Masterstudium Mediation absolvierte.

365 Sherpas: Kann Bürgerbeteiligung helfen, Infrastruktur- und Städtebauprojekte berechenbarer zu machen?

Seebauer: Ja, durchaus; wir schaffen Berechenbarkeit durch klare Struktur und Transparenz. Bei unseren Moderationen machen wir von Anfang an klar, WARUM und WIE wir WAS tun. Zu Beginn jeder Veranstaltung erfahren die Beteiligten, was das Ziel des Zusammentreffens ist und wie es danach weitergeht. Alles, was die Teilnehmer sagen, wird dokumentiert und in den Planungsprozess eingebracht; aber wir machen auch unmissverständlich klar, dass nicht alles übernommen werden kann, sondern dass es eine nachvollziehbare Abwägung geben wird.

365 Sherpas: Man hat trotzdem den Eindruck, dass es kaum noch Bauprojekte gibt, deren Realisierung ohne erhebliche Konflikte über die Bühne geht. Früher war das anders. Täuscht dieser Eindruck?

Seebauer: Der zunehmende Widerstand gegen Bauprojekte ist ein verstärkt auftretendes Phänomen, nicht nur in Deutschland. Die Menschen sind immer besser informiert oder nehmen dies zumindest an. Und je mehr die Leute wissen, desto deutlicher äußern sie ihre Meinung, egal wie sauber und verifiziert ihre Informationen sind. Heute hat ja jeder die Möglichkeit, sich durch die Welt zu klicken und sich zu allem „Wissen“ anzueignen. Auch die Sammlung von Gegnern oder Unterstützern einer Sache ist heute dank Internet einfacher.

365 Sherpas: Das Internet bietet aber auch neue Chancen bei der Beteiligung, zum Beispiel durch Onlinebefragungen.

Seebauer: Digitale Beteiligungsangebote können ein wichtiger Bestandteil einer Beteiligungsstrategie sein, weil sie orts- und zeitunabhängig funktionieren. Ich sehe allerdings auch die Schwierigkeiten, die dadurch entstehen. Ein Beispiel: Bei einer Bürgerbefragung zur zukünftigen Nutzung des riesigen ehemaligen Flugfeldes in Berlin-Tempelhof kam am Ende heraus, dass sich die Mehrheit der Befragten ein Softball-Feld wünscht – die Sport-Lobby hatte ihre Mitglieder eben am erfolgreichsten mobilisiert. Wir legen hingegen sehr viel Wert auf analoge Beteiligung, auf physische Präsenz der Teilnehmer. Es macht einen Unterschied, wenn Menschen beieinandersitzen, sich angucken und miteinander sprechen; Onlinebeteiligungen vernachlässigen häufig die menschliche Dimension.

365 Sherpas: Wie wichtig ist denn der Faktor Mensch?

Seebauer: Entscheidend. Unser Kerngeschäft ist es, mit Menschen umzugehen, mit ihren Interessen und Emotionen zu arbeiten, egal bei welchem Projekt.

365 Sherpas: Und das geht bei analogen Formaten besser? Auch dort gibt es doch Verzerrungen, zum Beispiel Menschen, die versuchen, den Prozess an sich zu reißen?

Seebauer: Ja, natürlich. Die wertschätzende Moderation muss immer darauf achten, dass alle Beteiligten Gehör finden, nicht nur die lautesten. Bei Veranstaltungen kann ich als Moderator auf die Menschen eingehen und den Prozess steuern. So kann ich auch die leiseren Gruppen motivieren, ihre Sicht der Dinge mit einzubringen. Das ist online nur sehr schwer möglich, weil im digitalen Raum zu viel Distanz besteht.

365 Sherpas: Und das funktioniert bei großen Veranstaltungen, bei denen alle Beteiligten in ihrer ganzen Vielfalt mit am Tisch sitzen?

Seebauer: Wir probieren mehr und mehr aus, auf bestimmte Gruppen zuzugehen und die Formate ihren Bedürfnissen anzupassen. Gewerbetreibende laden wir zum Beispiel nach Ladenschluss zu einem Runden Tisch ein. Wir versuchen auch, das Verständnis der einzelnen Gruppen füreinander zu stärken. Beispielsweise indem wir während einer Ortsbegehung jungen Menschen eine sichtfeldbegrenzende Brille aufsetzen, die ihnen zeigt, wie ältere Mitbürger einen Park erleben. Das schafft Empathie, die Verständnis sichert und den Beteiligungsprozess erleichtert. Es gibt keine pauschal anzuwendenden Formate für Beteiligung – hier sind individuelle Verfahrensdesigns zu entwickeln.

365 Sherpas: Wenn von Bauprojekten und Bürgerbeteiligung die Rede ist, denken die meisten sofort an Stuttgart 21. Was ist da schiefgelaufen?

Seebauer: Da will ich ein Problem herausgreifen, das für alle Bauprojekte dieser Größenordnung gilt: der Faktor Zeit. Eine Schwierigkeit von großen Projekten besteht darin, dass die Prozesse von der frühen Planungsphase bis zum ersten Spatenstich unendlich lang sind. Das hängt unter anderem auch an den rechtlichen Rahmenbedingungen.

365 Sherpas: Warum ist das ein Problem?

Seebauer: Eigentlich ist es sinnvoll, die Betroffenen so früh wie möglich einzubeziehen und mit ihnen über die Planungen ins Gespräch zu kommen. Man muss aber immer den Abstraktionsgrad beachten. Solange nur geplant wird, ist ein Bauprojekt für die meisten zu weit weg von den alltäglichen Themen. Da fällt es den Bürgerinnen und Bürgern oft schwer, ihre Probleme und Interessen zu artikulieren. Wenn dann aber wie bei Stuttgart 21 der Bagger anrollt, wird das real und die Proteste beginnen.

365 Sherpas: Und dann ist es zu spät.

Seebauer: Es wird zumindest nicht leichter, wieder auf eine gute kommunikative Ebene zu kommen. Die Herausforderung bei solchen Projekten ist es, während der langen Planungsprozesse in eine Kontinuität der Beteiligung zu kommen und nicht immer wieder bei null anfangen zu müssen. Da reichen die formal vorgegebenen Partizipationsschritte, zum Beispiel nach dem Baugesetzbuch, nicht aus, weil sie zum Teil mehrere Jahre auseinanderliegen. Das führt dazu, dass teilweise andere Menschen involviert sind, die an den vorherigen Schritten nicht beteiligt waren. Es muss einen regelmäßigen informellen Austausch geben, um diese Brüche zu vermeiden.

365 Sherpas: Birgt immer mehr Bürgerbeteiligung nicht die Gefahr, dass künftig gar nichts mehr gebaut wird, bevor auch der letzte Anwohner gehört wurde?

Seebauer: Es ist durchaus ein Hemmnis, dass oft zu viel über alles Mögliche geredet wird. Ich wünsche mir, dass es mehr und mehr gute Landschaftsarchitekten, Stadtplaner und Architekten gibt, die etwas entwickeln, das nicht von Partikularinteressen gesteuert ist, sondern durch Interessenausgleich geprägt wird, und somit die Beteiligung vielleicht mit kürzeren Zeiträumen auskommt.

365 Sherpas: Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie verarbeitet ein Vermittler den psychischen Stress, der mit so einem Job zwangsläufig verbunden ist?

Seebauer: Ich habe da meine Wege gefunden. So tauschen wir uns immer nach absolvierten Formaten im Team über die gemachten Erfahrungen aus. Und ich spreche häufig auch einfach mit meiner Frau.

365 Sherpas: Herr Seebauer, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Das Gespräch führte Carolin Modla.

 

Martin Seebauer studierte Landschaftsplanung an der TU Berlin und gründete 1982 sein Berliner Büro für Landschaftsarchitektur, Stadtplanung und Mediation. Als ­Moderator und ausgebildeter Mediator betreut er formale Beteiligungsverfahren und moderiert bei städtebaulichen und landschaftsplanerischen Beteiligungsprozessen.

 

Das Interview ist im Dezember 2017 in unserem Jahresbrief „Haltung“ erschienen, Thema der Ausgabe ist „Neue Berechenbarkeit“. 

 

Bild: Kai Giersberg