Eine taktisch kluge Inszenierung – mit doch so manchem Schönheitsfehler.

 

Es ist passiert. Sebastian Kurz wurde inthronisiert. Kurz, der trotz seiner jungen Jahre fast schon seit einer Ewigkeit als ÖVP-Obmann, als Bundeskanzlerkandidat, als nationale und internationale Zukunftsfigur sowie als Symbolfigur für eine neue Politikergeneration – wie auch Emmanuel Macron in Frankreich oder Justin Trudeau in Kanada – gehandelt wurde, ist der neue Chef der österreichischen Volkspartei. Einstimmig gewählt, mit einem neuen Anspruch an die Parteiführung und einem noch nie da gewesenen Durchgriffsrecht. Der erste Staub hat sich gelegt, der Nebel lichtet sich. Breaking News zur Causa gibt es nicht mehr täglich, sondern nur mehr wöchentlich. Dies lässt schon einen ersten validen Blick auf die Situation und mögliche Konsequenzen zu.

Ein Rücktritt mit Folgen 

Über den Rücktritt von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner wurde schon länger spekuliert, dennoch scheint der Zeitpunkt die politischen Protagonisten überrascht zu haben. Der Schritt war absehbar, doch schien niemand wirklich darauf vorbereitet gewesen zu sein. Fertige Konzepte, die nur mehr aus der Schublade geholt werden mussten und ein vorausschauendes Handeln ermöglich hätten? Fehlanzeige. Erstaunlich war, welche Hektik der tatsächliche Rücktritt des Vizekanzlers vor allem auf Seiten der Koalitionspartei auslöste. Die SPÖ reagierte planlos und ohne erkennbare Linie. Die Forderungen an den Noch-Koalitionspartner wurden nahezu mehrmals täglich erneuert und wieder geändert. An dem „neuen“ ÖVP-Chef wurde kein gutes Haar gelassen. Die ÖVP demonstrierte von Beginn an Euphorie, doch die Art und Weise, wie der Wechsel an der Spitze der Partie ablief, ließ doch einiges an Grandezza vermissen.

Der richtige Zeitpunkt als Erfolgsfaktor

Spannend ist vor allem der Blick auf einige taktische Kniffe, die das Team rund um Sebastian Kurz zu Beginn an den Tag legte. Sebastian Kurz wurde seinem Ruf als Stratege gerecht und demonstrierte, wie entscheidend das richtige Timing ist und wie eine Botschaft damit an Kraft gewinnt.

„Melde Dich zu Wort, erst nachdem sich alle zu Wort gemeldet haben.“ Kurz schien dieses Prinzip verinnerlicht zu haben und ging nach dem offiziellen Rücktritt von Reinhold Mitterlehner zunächst auf Tauchstation. Für Medien und Öffentlichkeit gab es keine Stellungnahme. Dafür sorgte ein Unmaß an Spekulationen für Schlagzeilen. Drei Tage später teilte Sebastian Kurz im Rahmen einer Pressekonferenz in einem knappen Statement seine Bedingungen mit. Klar und deutlich. Er verzichtete darauf, inhaltliche Themen einzuweben und vermied damit mögliche Reibungsflächen – die Spannung wurde weiter nach oben getrieben.

Ein außerordentliches Medienverständnis bewies man dann am Ende eben dieser Woche. Journalisten wurden zum altehrwürdigen Springer Schlössel, dem Sitz der Politischen Akademie der Volkspartei, geladen und dort sprichwörtlich zunächst einmal sitzen und warten gelassen. Bemerkenswert war der Zeitpunkt, zu dem das Ergebnis des Parteivorstands an die Journalisten und an die Öffentlichkeit kommuniziert wurde. Sebastian Kurz trat pünktlich um 19.30 Uhr vor die Medien. Damit bestimmte Kurz den inhaltlichen Auftakt der „Zeit im Bild“‘, der wichtigsten Nachrichtensendung des ORF. Die Live-Sendung erreichte circa 1,2 Millionen Zuseher. „Im Zentrum“ am späten Abend waren es gut 800.000 Zuschauer.

Auftakt mit Schönheitsfehler

Ein Wahlkampf ist ein Narrativ, das sich aus Einleitung, Mittelteil und Schluss zusammensetzt. Wie eine gute Erzählung, muss der Wahlkampf auch Akzente setzen und mit Überraschungen punkten. Die Einleitung wäre in diesem Fall schnell geschrieben gewesen: Der junge charismatische Sebastian Kurz übernimmt die Partei, die in der Folge farblich von Schwarz auf Türkis wechselt und als Enabler in den Hintergrund rückt. Für jeden Einzelnen wäre immer noch genug Projektionsfläche da gewesen. Damit hätten sich das Team und die zahlreichen Unterstützergruppen optimal aufstellen können. Stattdessen begann eine „Wag the dog“- Kommunikation. Nicht neue Inhalte oder das, was den neuen ÖVP-Chef tatsächlich antreibt, waren die bestimmenden Themen. Vielmehr standen Listen und die neue „Bewegung“ im Mittelpunkt, sowie sehr ungeschickte Versuche, neue Mitstreiter von anderen Parteien abzuwerben.

Zu früh polarisiert?

Deutlich wurde auch, dass die politischen Risse zwischen Rot und Schwarz heute so tief sind wie die Gräben zwischen Nord- und Südkorea. Unverständlich war das Schauspiel der letzten Wochen. Nach wie vor bestimmen Vorhaltungen der übelsten Art den politischen Alltag und es scheint, als gehöre das Feilschen um jeden Zentimeter Vorsprung plötzlich dazu. Auf allen Seiten ist ein nahezu begeisterter Hang zur Selbstzerstörung zu beobachten. Jede Regung wird mit Häme kommentiert und soll den Noch-Koalitionspartner diskreditieren. Die Entgleisungen können weitreichende Folgen haben und die gesamte Taktik ins Wanken bringen. Das Wählerhirn hat bekanntlich eine enorme Erinnerungskraft, und diese Posse wird sich unter dem Titel „fremdschämen“ festmachen lassen. Dabei wäre es für alle Protagonisten denkbar einfach gewesen, den Rücktritt Mitterlehners und den anschließenden durchaus legitimen Wunsch nach Neuwahlen anzuerkennen. Doch anstatt sich jetzt auf die eigenen Stärken und Ziele zu konzentrieren, wurde bereits die Polarisierungskeule von der SPÖ und die Mobilisierungskeule von der ÖVP ausgepackt – zu früh.

Gehen die beiden Rechnungen jetzt nicht auf, dann werden Rot und Schwarz ein zerstrittenes, rücktrittsreifes Bild abgeben und der politischen Opposition zum unerwarteten x-ten Frühling verhelfen. Wem wird das gewillte Wählerpublikum dann welchen schwarzen oder roten Peter zuschreiben? Die nächsten Wochen werden es zeigen. Denn wie heißt es so schön: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Der große Verlierer könnte Österreich sein.

Fazit

Die neue Etikette – neue Farbe, neuer Glanz der ÖVP – war der richtige Schritt. Eine glaubwürdige, wählbare Geschichte – ein Narrativ – wurde aber noch nicht erzählt. Ein Wahlkampf ist lang und ein Umfragehoch hat noch keinen Kanzler hervorgebracht – nicht in Österreich, nicht in Deutschland und auch nicht anderswo auf der Welt. Ein guter Wahlkampf ist wie eine gute Geschichte mit überraschenden Wendungen. Er packt einen, er lässt nicht los. Und das ist für alle Parteien in dieser schnelllebigen Zeit auch die größte Herausforderung. Ein Hoch, eine Aufregung und eine Titelseite sind schnell produziert. Aber wen interessiert 2017 schon die Nachricht, die Umfrage, der Tweet oder der Shitstorm vom vorigen Tag? Niemanden. Eine gute Geschichte? Jeden.

 

Der Autor

Herbert Rohrmair-Lewis ist Gründer und Geschäftsführer der 365 Sherpas Consulting GmbH in Wien.

 

Bild: https://www.flickr.com; Dragan Tatic